Sonntag, 11. April 2021

Muss man Service zukaufen?

Macht ein Servicepaket Sinn?

Wie so vieles, ist auch diese Frage nicht pauschal zu beantworten. Um einschätzen zu können, ob das Angebot und der Preis gerechtfertig sind, betrachten wir zunächst, was der Fachbetrieb eigentlich ohnehin erbringen muss.

Oft wird in Servicepaketen mit kostenloser Reinigung, sechs Jahren Service, regelmäßigen Überprüfungen des Gehörs, Nachjustierung usw. geworben. Fakt ist aber, dass diese Leistungen vertraglich von gesetzlichen Krankenkassen bereits teilweise festgeschrieben sind. Ich zitire exemplarisch die entsprechende Stelle aus dem Versorgungsvertrag der IKK Classic und markiere die Leistungen.

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Zitat:

"(9)Wählt der Versicherte von vornherein kein aufzahlungsfreies Hörsystem, beziehungsweise eine Versorgung, die zwar gleichwertig ist, aber über das Maß des Notwendigen und Zweckmäßigen (Wirtschaftsgebot § 12 SGB V) hinausgeht, kann der Leistungserbringer dem Versicherten die Mehrkosten in Rechnung stellen. Dies betrifft auch die daraus entstehenden Folgekosten/Mehrkosten für Reparaturen. Der Hörgeräteakustiker hat den Versicherten hierüber aufzuklären. Die Aufklärung hat sich der Leistungserbringer vom Versicherten durch Unterschrift unter der als Anlage 6 beigefügten Versichertenerklärung zur Hörgeräteversorgung bestätigen zu lassen.

(10)Der Leistungserbringer übernimmt die Instandhaltung des Hörsystems gemäß Absatz9, die Lieferung der erforderlichen Otoplastiken sowie die Nachbetreuung für den Versorgungszeitraum von sechs Jahren. Sofern Reparatur- und Wartungsarbeiten an den Hörsystemen/Tinnitusgeräten erforderlich werden, stellt der Leistungserbringer in der Regel dem Versicherten, sofern gewünscht, kostenlos geeignete Ersatzgeräte für die Dauer der Reparatur zur Verfügung. Statt der Reparatur kann der Leistungserbringer auch das Hörsystem austauschen. Defekte aufgrund von Missbrauch oder offensichtlich unsachgemäßer Behandlung sind von derInstandhaltung im Rahmen der Pauschale ausgenommen, dies gilt auch für Reparaturen nach Ablauf des Regelversorgungszeitraums von sechs Jahren. Diese Instandsetzungskosten hat der Versicherte zu tragen.

(11)Der Leistungserbringer übernimmt für die Dauer von sechs Jahren nach abgeschlossener Anpassung alle für eine einwandfreie Funktion des jeweiligen Produkts notwendigen Wartungs- und Reparaturarbeiten auf Basis einer einmaligen pauschalen Vergütung. Mit der pauschalen Vergütung für die Hörsysteme sind auch alle notwendigen Wartungs- und Reparaturarbeiten am kombinierten Tinnitusgerät/Hörgerät und am Tinnitusgerät abgegolten. Zu den notwendigen Wartungs- und Reparaturarbeiten zählen auch Arbeiten an der Otoplastik sowie der erforderlichen Nachversorgungen mit Otoplastiken. Die Pauschale umfasst alle Dienstleistungs- und Materialkosten; weitere Kosten können der IKK nicht in Rechnung gestellt werden. Wählt der Ver-sicherte ein vom Leistungserbringer aufzahlungsfrei angebotenes Produkt, sind alle anfallenden Wartungs-und Reparaturarbeiten sowie Materialkosten durch die pauschale Vergütung abgegolten. Wählt der Versicherte eine andere als die aufzahlungsfrei angebotene Versorgung, übernimmt die IKK ebenfalls die Reparaturpauschale. Bei derartigen Versorgungen entstehende Mehrkosten können nicht zu Lasten der IKK abgerechnet werden und sind vom Versicherten zu tragen.
"

Zitat Ende.
(Quelle: IKK Classic Vertrag vom 01.08.2016, §3 Grundsätze der Leistungserbringung, Stand 10.2020)
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Bei Reparaturen und Otoplastiken gibt es, wie man sieht, eine Besonderheit. Prinzipiell gilt: Zahlt man bei Hörgeräten und/oder Otoplastiken einen Eigenanteil, so zahlt man idR auch bei Reparaturen oder Nachfertigungen einen Eigenanteil. Wie hoch der letztlich ist, hängt vom Defekt/der Variante und Fachbetrieb ab. Manche Betriebe verlangen auch für Schlauchwechsel o.ä. Maßnahmen Geld. Das ist auch legitim, da der Versorgungsvertrag nicht explizit von "kostenfrei" spricht, außer bei Leihgeräten.

Auch oft in diesen Paket enthalten sind Pflegeprodukte und Batterien. Ob sich das finanziell rentiert, hängt natürlich vom monatlichen oder pauschalen Betrag ab. Batterien gibt es oft deutlich günstiger im world wide web und Pflegeprodukte muss man nicht zwangsläufig nachkaufen, wenn man bswp. elektrische Trocken- und Reinigungsgeräte nutzt.

Ein erheblicher Vorteil kann aber die Übernahme jeglicher Reparaturen sein, sofern man ein Hörgerät mit Eigenanteil erworben hat. Hier sollte nur unbedingt auf das Kleingedruckte geschaut werden. Manche Reparaturgründe werden hier direkt ausgeschlossen, Beträge gedeckelt oder nur prozentual übernommen. Auch ist interessant, ob Verlust mit abgedeckt wird.

Hier wird aber auch exemplarisch und in Teilen deutlich, was von einem Fachbetrieb vertraglich bereits verlangt wird. Dies ist natürlich Teil der Mischkalkulation und auch verantwortlich für Preisgestaltungen bei Hörsystemen.

Fazit:
Unterm Strich sind Reparaturen und Verlust der interessanteste Part. Wie bei Versicherungen auch, weiß man vorher nie, was passiert. Daher ist es schwer zu sagen, ob ein Servicepaket sinnvoll ist. Bei Verlust müsste der geleistet Eigenanteil erneut gezahlt werden. Je nach Hörgerät kann das ein ordentlicher Betrag sein. Bei Reparaturen sind es meist ca. 100 - 200€, je nach Defekt. Auch bei guter Pflege hat man in 6 Jahren sicherlich mal die ein oder andere Reparatur. Also wäre hier ein monatlicher Betrag von ca. 5,- € (ohne Verlustabdeckung) rein rechnerisch wohl angebracht. Das gilt natürlich nur für Hörsysteme mit Eigenleistung.

Freitag, 9. April 2021

Aktuelle Information: Markteinführung

Markteinführung GN Resound One 4


Der Hersteller GN Resound hat heute bekannt gegeben, dass das neue Hörsystem "One" ab sofort auch in der 4er-Technikstufe zur Verfügung steht. Diese günstigere Technikstufe ist dennoch auch mit Akkutechnologie und als Ex-Hörer-Variante erhältlich und hat bereits Bluetooth und direktes Audiostreaming integriert.

Damit ist die One-Serie nun in 4 Technikstufen erhältlich: 9, 7, 5, und 4


Jetzt noch mehr smartes Premium-Hören – Hörgerät ReSound ONE ab sofort auch in Technikstufe 4 verfügbar, optional mit führender Akku-Lösung (Foto: ReSound)



Sonntag, 4. April 2021

CROS-Versorgung

Wann ist eine CROS-/BiCROS-Versorgung sinnvoll?

Eine CROS-Versorgung (contralateral routing of signals) kommt dann zum Einsatz, wenn ein Ohr gehörlos oder ertaubt ist. In dem Fall kann man einen Sender auf der nicht-hörende Seite anbringen, der aussieht, wie ein Hörsystem. Dieser überträgt die Töne nun allerdings auf die hörende Seite, an der wiederum ein Hörgerät angebracht wird. Ist auf dieser Seite ebenfalls eine Hörminderung vorhanden, so kann diese zeitgleich mit ausgeglichen werden. Dann spricht man von BiCROS. Das ganze ist als Kabel- und Funkvariante wählbar und unterliegt anderen Festbeträgen als Hörgeräte.

Leider bieten nicht alle Hersteller aktuelle Sender an. Phonak bietet CROS und BiCROS nur mit dem Belong-Chip an, der schon durch die Marvel- und aktuell Paradise-Plattform überholt wurde. Ein direktes Streaming gibt es hier bspw. in keiner Technikstufe und ist nur mit Zusatzgerät möglich.

Bei Widex ist bei der aktuellen Evoke- und Enjoy-Serie ebenfalls ein aktueller CROS-Sender erhältlich.

Oticon nutzt im CROS-Sender die Velox-S-Plattform. Daher ist es nur mit der letzten Generation OPN S und Xceed kompatibel.

Signia hingegen hat mit der aktuellen X-Serie auch CROS-Systeme etabliert.

Auch Starkey ist bei der aktuellen Livio AI-Serie mit CROS-Sendern im Portfolio vertreten.

GN Resound ist in diesem Sektor nicht vertreten.


Ist das Innenohr noch versorgbar, kann ein CI (Cochlear-Implantat) eine Alternative sein. Wichtig ist, dass bei starker Asymmetrie des Hörvermögens beim Hörtest vertäubt wird. Dazu wird ein Rauschen auf das bessere Ohr gegeben. Es ist sonst möglich, dass der Schall sich über Luft oder den Knochen auf das besser-hörende Ohr überträgt und man so vermeindlich hört. Dieses "Überhören" kann bei der Luftleitung (Kopfhörermessung) bei einem Unterschied ab 50dB HL (Luftschall) auftreten. Bei der Knochenleitungsmessung (Knochenleitungshörer) bereits bei 15dB HL (Körperschall). Auch bei der Sprachmessung über den Kopfhörer muss demnach ebenfalls ein Rauschen hizugenommen werden. Nur so lässt sich die tatsächliche Hörschwelle/Sprachverstehen ermitteln.


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Stand 03.2021

Sonntag, 28. März 2021

Wie pflege und reinige ich meine Hörsysteme?

Reinigungs- und Pflegetipps

Das Hörsystem wurde eingestellt, alles ausprobiert und letztlich gekauft. Jetzt kommt es auf die richtige Pflege an, damit Reparaturen und ärgerliche Kleinigkeiten möglichst ausbleiben.

Die wohl wichtigsten Faktoren sind hier Feuchtigkeit (speziell Schweiß), Ohrenschmalz (Cerumen) und Bakterien. Um diese wirksam zu bekämpfen gibt es eine ganze Reihe Möglichkeiten, die aber auch vom Hörsystem abhängig sind.


Feuchttücher

Um das Hörsystem zu reinigen eignen sich Feuchttücher, die desinfizierend wirken. So lassen sich grobe Verschmutzungen und Bakterien beseitigen. Leider kommt man hier nicht in jede Ecke und das ständige Nachkaufen kann sich läppern.


 

Audinell Reinigungstücher


Reinigungsspray

Das Spray weicht Ohrenschmalz und andere Rückstände ein. Manche Sprayflaschen haben zusätzlich direkt eine Bürste am Sprükopf, mit der mechanisch gereinigt werden kann. Meist ist die Flüssigkeit auch desinfizierend und antibakteriell. Auch hier ist die Gründlichkeit eher mäßig.


Audinell Reinigungsspray



Reinigungsbecher mit Tabletten

Ähnlich wie bei Zahnprothesen und Zahnschienen, kann man auch Ohrstücke und Domes mittels Reinigungstabletten säubern. Dazu werden die Becher mit Wasser befüllt und die entsprechenden Tabs mit den Domes/Otoplastiken hineingelegt. Die Reinigung erfolgt durch aktiven Sauerstoff.Der Vorteil ist, dass das ganze Teil in der Reinigungsflüssigkeit liegt und es daher auch gründlicher wirken kann.


Audinell Reinigungstabletten


Meditrend Reinigungs- und Trockenbecher


Ultraschallbad

Das Ultraschallbad ist ein Alleskönner. Es reinigt bis in die kleinste Ecke und löst Verschmutzungen zuverlässig. Es kann zudem mit desinfizierenden Flüssigkeiten ergänzt werden, um ebenfalls Bakterien abzutöten. Hier können aber nur Teile gereinigt werden, die keine Technik beinhalten. Also nur Domes, Grip Tips, Schläuche und Otoplastiken. Trotzdem lohnt es sich. Besonder dann, wenn man ebenfalls Schmuck und/oder Brillen reinigen möchte. Der Intervall ist im Regelfall zwischen 1 und 5 Minuten.


Trockenkapseln

Zum Trocknen der Geräte sind Trockenkapseln eine Möglichkeit. Diese beinhalten ein Granulat, welches Feuchtigkeit aufnimmt. Sie sind nach etwa 4 Wochen vollgesogen und verblassen. Was kaum jemand weiß, man kann diese Kapseln wiederverwenden. Einfach bei geringer Temparatur im Backofen trocknen und erneut einsetzten. Somit enfällt das Nachkaufen, dennoch sind die Kapseln nicht der effektivste Weg.

Audinell Trockenkapseln



Elektrische Trockenstation/UV-Licht

Diese Variante ist günstig und effektiv. Das Hörsystem kann komplett in dieses kleine Gerät gelegt werden und per Knopfdruck wird es getrocknet (Wärme) und desinfiziert (UV-Licht). Bei Lithium-Ionen-Akkus ist sogar das Aufladen möglich. Das mechanische Entfernen von Schmutz bleibt aber Handarbeit. Dennoch ist es einfach zu handhaben und benötigt keinerlei Verbrauchsmaterialien, außer Strom (meist USB Anschluss). Es gibt diese Geräte mit und ohne UV-Licht. Die Anschaffungspreise sind zwischen 50 und 120€.

MG Development Smart Dryer (Recharger)

MG Development PerfectDry Lux (UV)

Hörgerätewaschmaschine (Perfect Clean)

Der Begriff klingt erstmal widersprüchlich und die Branche hat nicht schlecht gestaunt, als diese Wundergerät 2016/17 auf dem Markt erschien. Hier können die externen Hörer und Otoplastiken gereinigt werden und das mit Flüssigkeit. Es funktioniert erstaunlich gut, desinfiziert und löst jeglichen Schmutz, auch in den Hörern. Die Reinigungsflüssigkeit (Wasserstoffperoxid und Ethanol) muss jedoch stets nachgekauft werden. Dafür deckt sie gleich die Desinfektion mit dieser Flüssigkeit und UV-Licht ab, trocknet die Systeme und zusätzlich eben die Ex-Hörer. Die Anschlaffung schlägt mit etwa 120 - 150€ und die Nachfüllpacks mit ca. 15€ (Reicht für etwa 60 Anwendungen) zu Buche.


MG Development Perfect Clean


Puster/Airball

Bei jeglicher Reinigung mit Wasser oder anderen Flüssigkeiten ist es wichtig, dass alle Feuchtigkeit aus den Schäuchen/Otoplastiken entfernt wird, damit diese bei der weiteren Nutzung nicht in das Gerät zurück gelangt und dort Schäden anrichtet. Hierzu kann man die Schläuche mit einem Puster trocknen oder kleine Druckluftflaschen erwerben.

Audinell Trockenspray

Cedis Airball



Natürlich gehört zur Pflege auch die Wahrnehmung regelmäßiger Inspektionstermine bei deinem Akustiker. Auch weiteres Werkzeug wie Reinigungsbürsten oder Reinigungsfäden können sinnvoll sein, um Schmutz aus Bohrungen und Schläuchen zu entfernen. Ebenso müssen die Filtersysteme gelegentlich erneurt werden. Egal für welchen Weg man sich entscheidet, die Pflege sollte täglich durchgeführt werden um unnötige Reparaturen oder Besuche beim Akustiker zu vermeiden.






Donnerstag, 25. März 2021

Hörtraining: Ja oder nein?

Macht ein Hörtraining für mich Sinn?

Wenn das Ohr an Hörleistung verliert, verlernt auch das Gehirn mit der Zeit zu hören und somit zu verstehen. Besonders das selektive Hören ist eine kognitive Leistung. Dazu zählt das Fokussieren, aber auch das Ignorieren von Geräuschen. Um so länger man also hörentwöhnt ist, umso schwieriger ist es, Hörsysteme zu adaptieren. Um diesen Prozess etwas zu vereinfachen oder zu beschleunigen, gibt es Hörtrainings. Diese sollen, durch gezielte Übungen, die kognitiven Fähigkeiten wieder verbessern.

Es gibt diverse Anbieter auf dem Markt, die aber alle ähnliche Konzepte verfolgen. Meist gibt es Aufgaben zum Kontextverständnis, Klangerkennung, Filtern von Geräuschen und Sprache, Tonhöhen unterscheiden, Lautstärken unterscheiden usw. Genau diese Dinge muss der Kopf neu lernen, wenn ein Hörgerät plötzlich alles lauter macht. Die Übungen dauern täglich ca. 10 Minuten und werden etwa 14 Tage am Stück durchgefürt. Natürlich steigert sich hierbei ein wenig der Schwierigkeitsgrad. Nutzen kann man hier entweder Audio-CDs, TING-Stifte und passende Übungshefte, handlichen Geräten oder Apps.
Im Fachgeschäft geschieht dies begleitend zur Hörgeräteanpassung. Es gibt aber auch Varianten, die einzeln und zeitlich unabhängig erworben werden können. Je nach Kaufpreis der Hörsysteme, wird das Hörtraining auch gern als Zusatzleistung kostenfrei angeboten. 

Natürlich kann man das zusätzlich selbst im Alltag unterstützen und gezielt versuchen, sich auf Gesprächspartner oder Geräusche zu fokussieren und diese zu erkennen.

Fazit:
Das Training aus dem Fachgeschäft gibt einem gezielte Übungen an die Hand, die einem den Einstieg in die neue Klangwelt durchaus erleichtern und das Sprachverständnis verbessern können. Je entwöhnter man ist, desto empfehlenswerter ist die Unterstützung durch ein Hörtraining.


Sonntag, 21. März 2021

Was kommt denn jetzt ins Ohr?

Was ist komfortabel, sinnvoll und hält?

Bei einer Hörgeräteversorgung ist die Befestigung im Ohr ein ausschlaggebender Punkt für Komfort beim Tragen und Hören. Verschiedene Einsätze haben auch unterschiedlichen Einfluss auf den Klang. Zudem gibt es diverse Möglichkeiten, die nicht immer gleich sinnvoll sind. Bei der Auswahl spielen akustische, anatomische, medizinische, haptische und optische Aspekte eine Rolle. 

Grundlegend gibt es angepasste Otoplastiken und Standard-Aufsätze (Domes, Griptips, 70%-Otoplastiken). Die Bandbreite an Materialien ist ebenso umfangreich. Ich möchte hier einige Varianten vorstellen und deren Vor- und Nachteile aufzeigen. 


Domes

Als Domes, Hütchen oder Schirmchen werden kleine Aufsätze bezeichnet, die aus weichem Silikon gefertigt sind. Es gibt bis zu sechs verschiedene Durchmesser, je nach Gehörgangsgröße. Je leichter der Hörverlust, desto offener sind diese Schirmchen. Bei starker Hörminderung kommen Doppeldomes zum Einsatz, die mit zwei geschlossenen Schirmen den Gehörgang besser abdichten. Das ist notwendig, damit ggf. der Schall nicht aus dem Ohr austritt und Rückkopplungen entstehen. Da diese Variante keinen weiteren Halt in der Ohrmuschel bietet, kann sie mit Sporthalterungen (Abstützungen) ergänzt werden. Diese "Plastik-Schnur" liegt unten im Außenohr um dort gegenhalten zu können. Dies vermindert das Rausrutschen des Schirmchens aus dem Ohr. Eine etwas andere Form haben die Tulpen-Domes. Sie sind konisch und an den Seiten eingeschnitten. So passen sie sich besser an den Gehörgang an, dichten aber dennoch hermetisch nicht völlig ab. Der Vorteil ist der schnelle Austausch, die sofortige Verfügbarkeit, die unauffällige Optik und evtl. der Tragekomfort (weniger Material). Es hat aber auch Nachteile, da es filigraner ist, nicht angepasst und daher akustisch nicht optimal, sie im Ohr stecken bleiben oder verloren gehen können und leichter aus dem Ohr rutschen. Verwendet werden sie für Slimtubes und Ex-Hörer.


diverse Domes

Open-, Closed- und Doubledomes

Open Domes



Griptips/Sleeves etc.

Die Bezeichnung variiert je nach Hersteller, meint aber im Grunde das gleiche. Hierbei handelt es sich um Aufsätze, die ebenfalls in Standardgrößen erhältlich und aus Silikon gefertigt sind. Es sind jedoch keine Domes, sondern konische gegossene Stücke mit diversen Zusatzbohrungen. Diese Bohrungen haben den gleichen Zweck, die die offenen oder geschlossenen Domes. Sie dichten mehr oder weniger stark ab. Auch hier ist eine Ergänzung durch Sporthalterungen möglich. Die Vor- und Nachteile sind analog zu den Domes zu sehen. Es kann passen, muss aber nicht. Auch die Einsatzmöglichkeiten sind identisch.


GripTips/Sleeves
 
 
70%-Otoplastik

Eine Otplastik ist ein durch eine Ohrabformung hergestelltes Passstück. Bei der 70%-Otoplastik handelt es sich jedoch um eine "Durchschnitts-Otoplastik" die bei 70% der Erwachsenen mehr oder minder passen soll. Diese Variante ist mir lange nicht mehr zu Gesicht gekommen, ist aber ähnlich zu den Griptips/Sleeves zu sehen. Verwendet wird sie im Gegensatz zu den beiden vorherigen Optionen allerdings fast ausschließlich für Standardschallschläuche (HdO). Es gibt auch Im-Ohr-Hörgeräte (IdOs) die nach diesem Prinzip als Standardpassform gefertigt werden (bswp. Signia Silk).

 

70%-Otopalstiken


Die Otoplastik

Kommen wir nun zum umfangreichsten Kandidaten der Ankopplungen: Die Otoplastik.
Ich habe in einem vergangen Artikel bereits einige Varianten aufgezeigt, werde es hier aber noch weiter ausführen. Diese Variante wird mittels Ohrabformung maßgefertigt.
Wichtig ist neben der Bauform auch das Material und die Ausführung. Die Auswahl ist auch abhängig von der Rückkopplungsneigung der gewählten Hörsysteme und des Hörverlusts. Prinzipiell gilt: Je anfälliger die Hörgeräte für Rückkopplungen sind, bzw. je stärker der Hörverlust, desto kleiner die Bohrung. Dennoch müssen hier auch anatomische und akustische Gegebenheiten wie Okklusion (siehe Artikel "Okklusion") oder die Anfälligkeit für Schwitzen, Entzündungen und Pilzerkrankungen berücksichtigt werden.

Bauformen (für Ex-Hörer, Slimtubes und Standardschlauch):

Schale -> füllt die gesamte Ohrmuschel aus. Ist optisch auffälliger, aber leichter zu greifen, dicht und hat einen festen Sitz.

Ring -> der Mittelteil wird ausgefräst, sodass aus der Schale ein Ring entsteht. Optisch unauffälliger, dicht, gute Haptik und hat einen festen Sitz

Kralle -> der Mittelteil aus dem äußeren Ring wird rausgefräst. Optisch etwas unauffälliger, gute Haptik, dicht und guter Sitz.

Lang- und Kurzspange -> Stöpselform mit langer/kurzer Abstützung in der unteren Ohrmuschel (wie Sporthalterung). Optisch unauffälliger, gute Haptik, guter Halt, kann aber verkippen (drehen).

Stöpsel -> Verschwindet meist komplett im Gehörgang, schlechtere Haptik, schlechterer Sitz

Materialien:

Hartes Acryl -> Hält länger, ist aber starr und passt sich nicht weiter an. Bei richtiger Fertigung ist es komfortabel zu tragen. Kann Beschichtet werden.

Silikon -> Weniger Risiko für Druckstellen, anfälliger für Risse/Verfärbungen, hohe Dichtigkeit, kann bedingt beschichtet werden.

Thermotec -> Wird bei Wärme weicher und passt sich an, anfälliger für Risse/Verfärbungen, leichter einzusetzen und trotzdem dicht, kostet meist einen Aufpreis, kann bedingt beschichtet werden

Edelmetalle -> werden bei Allergien eingesetzt. Sind hygienischer aber nur als starre Variante erhältlich. Wird von den Krankenkassen bei entsprechendem Befund idR bezahlt. Manuelles Nacharbeiten nicht möglich.


Besonderheiten:

Titanotoplastik -> komplett aus Titan. Langlebig, antibakteriell und sehr dünne Wandstärke. Auch für kleinere Gehörgänge optimal, da platzsparend. Kann bei Allergien eingestzt werden.

Folienplastik -> Otoplastik wird ausgehölt um Material zu minimieren. Leichtere Bauform, weniger Verschluss

Holkanaloptoplastik -> Otoplastik wird von Gehörgangsseite ausgehölt. Dient der Vergrößerung des Restvoluments (Okklusion). Ist bei Ex-Hörern eher schwierig zu fertigen.

Skelettierung -> Otoplastik wird ausgehölt und Löcher in die Wände gefräst. Kann eingesetzt werden für eine offenere Versorgung oder um Berührungspunkte zu vermeiden (Okklusion/Druckstellen)

Sharkbite -> Aussparung an einer bestimmten Stelle um Berührungspunkte zu vermeiden (Okklusion/Druckstellen)

Stufe/Abtreppung -> am Zapfen wird eine Stufe reingefräst. Dienst zur Veränderung des Restvolumens im Gehörgang und ggf. um Berührungspunkte zu vermeiden.

Zugfaden -> wird an der Otoplastik befestigt, um die an diesem Faden aus dem Ohr zu ziehen.

Zusatzbohrung -> Wird neben dem Ex-Hörer bzw. Schallschlauch gebohrt, um das Ohr zu belüften und/oder akustisch Einfluss auf Rückkopplungen und den Verschlusseffekt zu nehmen. 


Die Fertigung geschieht in den Laboren heute fast ausschließlich automaitsch. Früher wurden die Otoplastiken noch per PNP-Verfahren (Positiv-Negativ-Positiv) hergestellt. Heute nutzt man oft 3D-Scanner und Drucker, wo nur noch leichte digitale Modifikationen nötig sind. 



Bsp.: Folienplastiken skelletiert

 

Ob man allergisch auf bestimmte Materialien reagiert, kann man jederzeit testen. Dazu bestellt das Fachgeschäft beim Hersteller/Labor sogenannte Allergieplättchen. Diese wiederum werden vom Facharzt auf der Haut befestigt und nach ca. zwei und fünf Tagen kontrolliert. Ist eine Reaktion (Quaddeln) ersichtlich, so gilt der Test auf das Material als positiv.

Mittwoch, 17. März 2021

Gebrauchte Hörgeräte, eine neverending Story!

Darf ich oder darf ich nicht?

Man sieht und liest es immer wieder. Irgendjemand bietet gebrauchte Hörgeräte in Foren, Facebook-Gruppen oder Kleinanzeigenportalen an. Manche Portale löschen solche Anzeigen, andere lassen sie zu. Auch werden oft sofort Stimmen laut, die auf ein "Verkaufsverbot" hinweisen. Doch was stimmt denn jetzt? Darf ich oder darf ich nicht?

Die Rechtslage:
Hier muss man vorab schon differenzieren, ob die Versorgung über eine gesetzliche oder private Krankenkasse erfolgt, oder man Selbstzahler*in ist.
Schauen wir nun mal in das fünfte Sozialgesetzbuch §33 Abs. 5. Hier steht:

Zitat:
"(5) 1 Die Krankenkasse kann den Versicherten die erforderlichen Hilfsmittel auch leihweise überlassen. [...]."
Zitat Ende.

Der Umkehrschluss der Formulierung "auch leihweise" ist, dass ein Hilfsmittel danach/ansonsten in das Eigentum der/des Versicherten übergeht. 

Weiter verweisen viele gern auf das Medizinproduktegesetz und den §3, welcher das "In-Verkehr-bringen" definiert:

Zitat:
"Inverkehrbringen ist jede entgeltliche oder unentgeltliche Abgabe von Medizinprodukten an andere. Erstmaliges Inverkehrbringen ist die erste Abgabe von neuen oder als neu aufbereiteten Medizinprodukten an andere im Europäischen Wirtschaftsraum. Als Inverkehrbringen nach diesem Gesetz gilt nicht

a)
die Abgabe von Medizinprodukten zum Zwecke der klinischen Prüfung,
b)
die Abgabe von In-vitro-Diagnostika für Leistungsbewertungsprüfungen,
c)
die erneute Abgabe eines Medizinproduktes nach seiner Inbetriebnahme an andere, es sei denn, dass es als neu aufbereitet oder wesentlich verändert worden ist.
Eine Abgabe an andere liegt nicht vor, wenn Medizinprodukte für einen anderen aufbereitet und an diesen zurückgegeben werden."
Zitat Ende.

 
Absatz c) scheint das gesuchte Schlupfloch zu sein.
"Wesentlich verändern" oder "neu aufbereiten" ist zwar sehr allgemein, aber bei Hörgeräten eher unzutreffend. Es sei denn, man tauscht Bauteile wie bspw. den externen Hörer. Das ist, denke ich, eine wesentliche Veränderung, da sich der Lautstärkewert ändert und das Gerät daduch sogar eine andere Hilfsmittelpositionsnummer erhält. Ob damit der private Wiederverkauf und/oder die Inbetriebnahme und folgende Abgabe an den Kunden beim Akustiker gemeint ist, bleibt offen.
 

Nun ein weiterer Punkt. Beim Erwerb/Erhalt unterschreibt jede/r eine "Konformitätserklärung" oder auch "Dokumentation der Sonderanfertigung". Diese beinhaltet unter anderem IMMER folgenden Satz (so oder so ähnlich):

Zitat:
"Hiermit wird bestätigt, dass die in der Dokumentation / im Anpassbericht vom [Datum] beschriebene/n Hörhilfe/n / Otoplastik/en [...] zur ausschließlichen Verwendung durch die auf dieser Sondererklärung ausgewiesenen Person angefertigt wurde."
Zitat Ende.

Dieser Passus bezieht sich allerdings darauf, dass der Akustiker die Hörsysteme für den Versicherten angefertigt/eingestellt hat, nicht aber darauf, dass sich jemand zur ausschließlichen Eigenverwendung verpflichtet. Denn unterschrieben wird hier nur, dass man die Sonderanfertigung, eine Kopie und eine Einweisung erhalten hat. Was ist, wenn die Geräte auf eine Dritte Person neu justiert werden und/oder für dieses Gerät neue Otoplastiken gefertigt werde. In letzterem Fall gäbe es ohnehin ein erneutes Dokument.

Der Hygieneaspekt:
Medizinprodukte sind in Klassen unterteilt. Je nachdem, wo sie am oder im Körper platziert oder getragen werden. Somit fallen Brillen in eine andere Kategorie als Kontaktlinsen oder Hörgeräte. Das hat auch hygienische Aspekte. Ob ich mir nun etwas zulegen möchte, was andere ggf. bereits Jahre am und im Ohr getragen haben, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Hier kommt es natürlich auf die letztendliche Pflege der Geräte an. Dennoch kann man Infektionen im Zweifel nie ganz ausschließen.

Der finanzielle Aspekt:
Gebraucht ist günstiger. Das dürfte wohl ein Fakt sein. Dennoch muss man erstmal einen Akustiker haben, der eine audiologische Messung durchführt und die gebrauchten Systeme auf das individuelle Bedürfnis anpasst. Sofern das überhaupt möglich ist. Ist bspw. ein falscher externer Lautsprecher angebracht, reicht er ggf. nicht aus oder ist viel zu laut. Das alles muss man im Zweifel finanziell mit einkalkulieren. Der Akustiker arbeitet schließlich auch nicht umsonst.
Sind die Geräte gepflegt, sollten sie annähernd die Werte des Datenblatts erreichen. Hat die/der vorherige Träger*in allerdings bspw. Haarspray benutzt, oder viel im Staub gearbeitet etc. sind besonders die Mikrofonmembranen oft belegt und arbeiten nicht mehr so, wie sie ursprünglich mal sollten. Auch ist nahezu immer Feuchtigkeit/Schweiß im Gerät, welcher sich irgendwann auch durch die Beschichtung frisst und die Technik angreift. Bei externen Lautsprechern ist das schnell an einer grünlichen Verfärbung des Kabels ersichtlich. Tritt an den Geräten ein Defekt auf, sind alle Reparaturen komplett privat zu zahlen. Das kann ebenfalls zu Buche schlagen.
Da man ohnehin alle 4 bis 6 Jahre Anspruch auf eine neue Versorung hat (je nachdem ob privat/Berufsgenossenschaft/GKV), machen gebrauchte Geräte nur Sinn, wenn man eine hohe Technikstufe günstiger erwerben möchte. Aktuelle Geräte findet man hier logischerweise aber eher nicht. Für Laien ist nicht zu prüfen, ob das Gerät einwandfrei funktioniert. Dies bedarf einer Messbox. Auch muss man beachten, dass man geistig den Kassenzuschuss (etwa 650€) hinzurechnet. Kostet ein Gerät bspw. privat 1500€ im Geschäft, so wären es für gesetzlich versicherte nur noch rund 850€. Findet man das gleiche System gebraucht für 1000€, so ist es unterm Strich immernoch 150€ teurer.

Fazit:
Ob die Frage damit geklärt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Amplifon schreibt auf ihrer eigenen Internetseite, dass der Verkauf gebrauchter Hörgeräte "illegal" sei. (Quelle)
Worauf sich diese Aussage stützt, hat mir auf Anfrage niemand beantwortet. Auch die biha (Bundesinnung der Hörgeräteakustiker) weicht meiner Anfrage aus und schreibt, dass sie nur Mitgliedsbestriebe in rechtlichen Fragen beraten.
Mir ist jedenfalls kein einziger Fall bekannt, bei dem jemand strafrechtlich verfolgt wurde, weil er gebrauchte Hörsysteme verkauft hat. Ebay löscht solche Anzeigen zwar, dies aber wohl auch eher aus Vorsicht. Wer unsicher ist, kann die Geräte alternativ spenden. Alles ist nachhaltiger als der Mülleimer.


Angaben ohne Gewähr. Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information und bietet keine rechtliche Sicherheit/Grundlage oder Beratung. Wer gebrauchte Geräte kauft oder vertreibt tut dies eigenverantwortlich! Stand 03/2021

Muss man Service zukaufen?

Macht ein Servicepaket Sinn? Wie so vieles, ist auch diese Frage nicht pauschal zu beantworten. Um einschätzen zu können, ob das Angebot und...