Donnerstag, 31. Dezember 2020

Tschüss, bis nächstes Jahr.

 

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Wir wünschen allen einen guten Rutsch und Start in das Jahr 2021!
 
Bleibt gesund und danke für alle, die bereits jetzt zu unseren Lesern gehören. 
 
Bis nächstes Jahr :)

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Anpassung eines Hörgerätes

Anpassung eines Hörgeräts


Anpassung in der Messbox

Bei der Voreinstellung eines Hörsystems in der Messbox, muss der Kunde selbst nicht anwesend sein. Daher spricht man von einem objektiven Verfahren, dessen Ziel aber auf dem subjektiven Hörtest basiert. Diese Methode bietet sich daher besonders an, wenn das Hörsystem schon vor dem eigentlichen Kundentermin eingestellt werden soll. Um das Ohr bzw. das Restvolumen des Kunden zu simulieren, nutzt man hier i.d.R. den 2ccm³-Kuppler. Der Winkel des Geräts wird hier mittels Schallschlauch an den Kuppler gesteckt. Anschließend wird das REM-Modul (Aurical) der Messbox gestartet und die kundenspezifischen Daten eingegeben. Anhand dieser Angaben errechnet das Messmodul eine Zielkurve für verschiedene Eingangspegel. Die wichtigsten Angaben sind neben der Zusatzbohrung und der gewählten Anpassformel auch der gemessene Hörverlust. In der Software des Hörgeräteherstellers wird nun der First-Fit (vorberechnete Einstellung) ausgeführt. Auch hier werden in der Regel die Otoplastikeigenschaften und die Anpassformel ausgewählt. Bei der automatischen Voreinstellung werden sie somit auch hier berücksichtigt. Anschließend wird in der Messbox mit einem frequenzdurchlaufenden Sinuston das Verhalten des Hörsystems bei einem Eingangspegel von 50dB und 80dB gemessen. Weicht die Kurve bei einer oder mehreren Frequenzen mehr als 5dB von der Zielkurve ab, wird in der Software nachgestellt. Dieser Vorgang wird wiederholt, bis die Abweichungen möglichst gering sind. Natürlich sind auch weitere Lautstärkewerte messbar und (abhängig von der Kompression) auch sinnvoll.


Anpassung mit einer InSitu-Anlage (Visible Speech/Percentil)

Im Gegensatz zur Messbox werden hier die tatsächlichen Gegebenheiten am Kundenohr berücksichtig. Die Voreingestellten Hörgeräte werden zusammen mit einem Sondenschlauch am bzw. im Ohr platziert. Die Sondenschläuche werden bis kurz vor das Trommelfell in den Gehörgang eingesetzt. Mit Hilfe der Messvorrichtung kann nun sowohl das Verhalten der Hörsysteme, als auch die akustischen Eigenschaften des Kundenohrs gemessen werden. In einem Meter Abstand (frontal zum Kunden) wird dazu ein Signal abgespielt, welches möglichst in allen Frequenzen einen gleichen Pegel aufweist, oder der menschlichen Stimme am nächsten kommt (Rauschen, Stimmengewirr, ISTS, LTASS o.ä.). Die Sondenschläuche ermitteln nun den tatsächlich vor dem Trommelfell eintreffenden Schallpegel und stellen diesen anhand einer Kurve in der Messsoftware dar. In dieser Darstellung wird sowohl die Hörschwelle, als auch die Unbehaglichkeitsgrenze angezeigt. Somit kann vom Akustiker direkt eingesehen werden, ob die Kurven für einen Eingangspegel von 55dB, 65dB und 80dB im Bereich über der Hörschwelle und unter der Unbehaglichkeitsgrenze liegen. Die Kurve der leisen Eingangspegel sollte gerade über der Hörschwelle liegen. Die Kurve für mittellaute Eingangspegel hingegen im Bereich des kundenabhängig modifizierten Hauptsprachbereichs und die Kurve für laute Eingangspegel unter der Unbehaglichkeitsgrenze. Auch hier muss das Hörgeräte gegebenenfalls nachjustiert werden, bis die Kurven im gewünschten Bereich liegen. Eine reine InSitu-Messung (In Situation) ist heute eher seltener in der Praxis zu finden. Die letzte Entwicklung war die Percentilanalyse. Der Unterschied liegt in der Berechnung/Messung der Zielverstärkungswerte. Auch hier basiert das Ziel auf den subjektiven Werten des Hörtests.


Anpassung per Lautheitsskallierung

Auch die Lautheitsskallierung kann zur Justierung herangezogen werden. Hier wird das Hörgerät vorab auf den Hörverlust eingestellt und anschließend die Dynamik auf das Niveau eines Normalhörenden gebracht. Eine frequenzabhängige Einstellung ist hier zwar nicht möglich, dennoch ist die Betrachtung des subjektiven Lautstärkeempfindens durchaus eine sinnvolle zusätzliche Möglichkeit. Hörgeräte unterscheiden nämlich nicht nur Tonhöhen, sondern auch Lautstärken. Dadurch ist es möglich, verschiedene Eingangspegel differenziert mit einem Verstärkungswert zu versehen. Wird beispielsweise leise gesprochen, verstärkt das Hörgerät den Sprachbereich um einen höheren Wert, als wenn jemand laut spricht. Somit kann zum Beispiel im Fall eines Recruitments/Hyperakusis1 ermittelt werden, ob das Hörgerät an die Unbehaglichkeitsgrenze „stößt“. Sowohl die Insitu- als auch die Messboxeinstellung sind objektive Messverfahren. Die Lautheitsskallierung hingegen ist völlig subjektiv und bietet daher nochmal eine andere Perspektive. Der Hörtest spielt hier nur als Anhaltspunkt eine untergeordnete Rolle.

1Überempfindlichkeit gegenüber Lautstärke 

 

 



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Mittwoch, 30. Dezember 2020

Ständig dieses Pfeifen!

Warum pfeifen Hörgeräte und wie arbeitet es dagegen an?

Jeder hat es schon einmal irgendwo gehört. Bei Oma, Opa, Papa, Kind... Hörgeräte pfeifen. Physikalisch gesehen handelt es sich hierbei um eine Rückkopplung. Das heißt, dass Schall, der eigentlich in das Ohr geleitet (und auch da bleiben) soll, irgendwo wieder zurück in die Mikrofone des Hörsystems gelangt. Dort wird er erneut verstärkt, wieder abgegeben usw. Rückkopplungen beziehen sich immer auf eine bestimmte Tonhöhe, können aber, durch Änderungen der akustischen Gegebenheiten (z.B. die Lage des Kopfes), in der Tonhöhe variieren. 

Wenn diese auftreten, ist es ein Indiz dafür, dass irgendwo Schall aus dem Ohr austritt. Ergo ist wahrscheinlich das Ohrpassstück nicht dicht genug (Sitz, Form, Defekte), der Schallschlauch/Winkel ist defekt (Loch/Riss) oder das Ohr ist verstopft und der Schall wird zuviel reklektiert. 

Treten dennoch Rückkopplungen auf, gibt es diverse Verfahren, um diese zu reduzieren oder auszulöschen. Ich möchte hier einige dieser Verfahren aufzeigen.

Schematische Darstellung des Schallweges bei einer Rückkopplung
 



Statische Rückkopplungsunterdrückung

Bei der statischen Variante wird schlicht die Verstärkung bei der Tonhöhe reduziert, bei der die Rückkollung auftritt. So kann sie reduziert werden und ggf. unterbrochen. Tritt eine erneute Rückkopplung ein, wiederholt das Gerät das Procedere wieder. Der Nachteil ist, dass eine komplette Tonhöhe reduziert wird und auch andere Schallquellen in diesem Bereich leiser werden. 

 

Schematische Darstellung statischer Rückkopplungsunterdrückung




 

Dynamische Rückkopplungsunterdrückung

Im Gegensatz zur statischen wird hier nicht die Lautstärke, sondern die Tonhöhe bearbeitet. Somit wird der Kreislauf unterbrochen und die Rückkopplung kann sich nicht weiter "aufschaukeln". 


Gegenphasige Auslöschung

Eine weitere effektive Methode ist die Hinzugabe eines identischen, aber gegenphasigen Signals. Eine Rückkopplung ist physikalisch gesehen ein Sinuston, dessen Amplitude und Wellenlänge eindeutig bestimmt werden kann. Gibt man nun einen gegenphasigen Sinuston hinzu, löschen sie sich gegenseitig aus. Hier bleibt die Verstärkung aufrechterhalten und es muss keine Tonhöhenverschiebung stattfinden. 

 

Schematische Darstellung der gegenphasigen Auslöschung



Binauraler Abgleich

Zusätzlich zu den gennanten Varianten gleichen manche Hörsysteme sich untereinander ab. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen Weihnachten zusammen und ein Kind spielt auf der Blockflöte ein Lied. Die Pfeifgeräusche könnten von einem Hörsystem fehlinterpretiert und folglich reduziert werden. Bei einem binauralen Abgleich fragt das eine Hörgerät das andere, ob es das Pfeifen auch wahrnimmt. Wenn nicht, ist es wahrscheinlich eine Rückkopplung. Wenn doch, ist es das Kind mit der Flöte.


Lösungen

Wenn dennoch die Technik versagt, dann muss ein Faktor in der Schallleitungskette die Rückkopllung verursachen. In Frage kommen hier der Schallschlauch, da er entweder nicht richtig aufgesteckt oder verklebt ist, er Risse hat oder eine zu dünne Wandstärke (diese ist variierbar), ggf. ein defekter Hörwinkel (Haken) oder die Otoplastik sitzt nicht richtig bzw. ist zu offen. Ein eher unwahrscheinlicher Fall kann auch ein Defekt am Gehäuse sein, sodass der Schall schon am Lautsprecher selbst austritt. Das ist auch der Fall, wenn die Lagerung des Hörers kaputt ist. Ein Blick in den Gehörgang kann auch nicht schaden, da Cerumenpfropfen (Ohrenschmalz) ebenfalls für Rückkopplungen sorgen können.
Dein Akusikter misst zu Beginn der Anpassung jedoch immer die Geräte am Ohr ein. Dadurch kann er sehen, ab welchem Verstärkungswert es bzgl. Rückkopplungen kritisch wird. Liegt diese Schwelle über der gewünschten Verstärkung, ist alles gut. Liegt sie drunter, muss etwas verändert werden.

 


Dienstag, 29. Dezember 2020

Leistungsübersicht Berufsgenossenschaft

Leistungsübersicht Berufsgenossenschaften



KAT

Preis inkl. Batterien und Pauschale

Für 5 Jahre

Dokumentation

Merkmale

HG

1

1.110,00€


Hörgerät/Otoplastik 820,23€

Pauschale 289,77€


Abschlag auf das zweite Hörgeräte

-156,99€


1 Hörgerät angepasst



- 4 Kanäle

- Rückkopplungsmanager

- 3 Programme

- Störgeräusch-
unterdrückung

 -Mehrmikrofontechnik (außer bei IdO)

 -T-Spule oder andere

- Kommunikations
verbindung nach Wahl des Akustikers

- Nanobeschichtung nach Bedarf

Untere Mittelklasse möglich


2

1.650,00€


HG/Otoplastik 1300,00€

Pauschale 350,00€





1 Hörgerät angepasst

Zusätzlich 1 Hörgerät der Kategorie 1 angepasst



- mind. 5 Kanäle

- ab 4 Programme

- T-Spule oder andere

- Kommunikations
verbindung nach Wahl des Akustikers (FM-Kompatibel)

- bei Bedarf auch EX-Hörer


Mind. 2 folgende Merkmale:

- binaurale Kopplung

- adaptive Direktionalität oder

- autom. Mikrofone

- Frequenztransformation

- Windgeräuschmanager

- Impulsschall-
unterdrückung

- Easy Phone

- Kombigerät mit Tinnitusfunktion

- fernbedienbar

- learning Systems

- Data Logging

- Wasserresistent nach IP67 und Nanobeschichtet

Obere Mittelklasse möglich


3

Vertraglich nicht vereinbart


Auch die Pauschale wird idR. kalkuliert




KV mit Anlage 09 einreichen

1 Hörgerät angepasst

Zusätzlich je 1 Hörgerät der Kategorie 1 und Kategorie 2 angepasst







- mind. 6 Kanäle

- ab 4 Programme

- binaurale Kopplung


Mind. 4 folgende Merkmale:

- binaurale Synchronisation

- adaptive Direktionalität oder

- autom. Mikrofone

- Frequenztransformation

- Windgeräuschmanager

- Impulsschall-
unterdrückung

- Easy Phone

- Bluetoothfähig

- Kombigerät mit Tinnitusfunktion

- fernbedienbar

- learning Systems

- Data Logging

- Wasserresistent nach IP67 und Nanobeschichtet

High-End möglich


Stand 02.2020

Ablauf einer Hörgeräteversorgung über die Berufsgenossenschaft

Auch über die Berufsgenossenschaften stehen Hörgeräteversorgungen zur Verfügung. Auch hier heißt dies natürlich, dass nicht die BGs Hörgeräte vertreiben, sondern diese unter bestimmten Kriterien bezahlen.

 

Ablauf

Bevor Sie sich entscheiden einen Akustiker aufzusuchen, ist ein formloser Antrag bei der Berufsgenossenschaft notwendig. Hierzu genügt die ohrenärztliche Verordnung einer Hörhilfe. Der Auftrag wird durch den Akustiker (meist elektronisch) eingeholt. Liegt der Auftrag vor, so kann mit der Anpassung begonnen werden.

Bei ICP-Hörgeräten gibt es noch eine kleine Besonderheit. Hier muss der/die Betriebsarzt/-ärztin eine Verdachtsanzeige an die Berufsgenossenschaft übersenden. Folgend werden weitere Fragebögen verlangt um seitens der Berufsgenossenschaft einzuschätzen, ob es sich um eine berufsbedingte Hörminderung handelt.

Vergütungen von Leistungen VOR dem Auftrag, sind nicht vorgesehen, daher muss dieser abgewartet werden. (Anlage 5 des Vertrags)


Anpassung

Hörsysteme der Kategorien 1 und 2 können ohne Genehmigung angepasst und abgerechnet werden.

Hörsysteme der Kategorie 3 hingegen können nur durch den Akustiker abgerechnet werden, wenn ein vorheriger Kostenvoranschlag bewilligt wurde. Dies hat vertragliche Gründe, da die Kategorie 3 preislich nicht festgeschrieben ist.

Es reicht jedoch nicht, wenn nur ein Hörsystem der Kategorie 3 ausprobiert wird. Alle "günstigeren" Kategorien müssen ebenfall ausprobiert werden. 

Hier zwei Beispiele:

- Sie möchten ein Hörgerät der Kategorie 1 beziehen. Hier kann Ihr Akustiker ohne weiteren Aufwand (nach Auftragserteilung) die Festbeträge in Rechnung stellen.

- Sie möchten ein Hörgerät der Kategorie 3 beziehen. Hier muss der Akustiker vorab eine Kostengenehmigung einholen und Ihnen mindestens ein Hörsystem der Kategorie 1 und 2 zusätzlich zur ausprobe mitgegeben haben.

Eine Abnahme (Endkontrolle) durch den Ohrenarzt ist nicht erforderlich, aber meist empfehlenswert.


Dokumente

Anlage 05 ist der Auftrag

Anlage 06 beinhaltet die Empfangsbestätigung/Verpflichtungserklärung und evtl. Sonderwünsche

Anlage 08 sind die Abrechnungsunterlagen und die Rechnung

Anlage 09 ist der Anpassbericht des Hörgeräteakustikers


Reparaturen 

Seit dem 01.01.2015 sind Reparaturen durch eine Pauschalenzahlung der Berufsgenossenschaft abgegolten.


Batterien

Die gesamte Batterieversorgung wird durch den Akustiker jährlich an Sie ausgehändigt und ist durch die Pauschale ebenfalls bereits abgegolten.


Reparaturen und Batterien nach dem Versorgungszeitraum

Der Versorgungszeitraum besagt, dass nach fünf Jahren alle Pauschalen auslaufen und eine neue Versorgung beantragt werden kann. Geschieht dies jedoch nicht und Sie entscheiden sich die bisherigen Geräte weiter zu tragen, verhält es sich mit Batterien, Serviceleistungen und Reparaturen folgendermaßen:

Reparaturen:

Pro Reparatur 117,76€ brutto


Außerhalb der Pauschale können folgende Reparaturen mit jeweils 18€ brutto abgerechnet werden

- Schallschlauch-, Slimube-, Hörwinkel- und Siebwechsel

- Innenreinigung


Batterien:

Rayovac oder Varta 6 Stück 3,18€ brutto

Cochlear/Plus 12 Stück 10,44€ brutto

 

Montag, 28. Dezember 2020

Diverse Vertriebswege der Branche

Welche Vertriebswege der Branche gibt es? 

Der wohl bekannteste Weg ist der über das Fachgeschäft vor Ort. Das ist jedoch nicht der einzige Weg, an ein Hörgerät zu kommen. Wir zeigen Ihnen weitere Vertriebswege.

 

Internet

Wenn Sie im Internet nach Hörgeräten suchen, sind Sie innerhalb der nächsten Sekunden wahrscheinlich bereits auf irgendeiner "Landingpage" gelandet. Diese wiederum fängt Sie als potentiellen Interessenten ab und führt sich zu einem konkreten Dienstleister. Ein Unternehmen hat oft hunderte Landingpages um Suchergebnisse möglichst auf diese zu leiten und Sie als Kunden zu gewinnen. Hier gibt es diverse Anbieter wie z.B.:

- Audibene: Berät und begleitet Kunden telefonisch und verweist diese an Partner-Fachgeschäfte in der Nähe. Audibene hält mit dem Partnerakustiker Rücksprache und tauscht sich via Partner-Portal über die einzelnen Schritte aus und ist in alle Prozesse involviert.

- ProAuris: Vermittelt Kunden an Partnerakustiker, vereinbart dort einen Beratungstermin und hat damit seine Arbeit getan.

 

Verkürzter Versorgungsweg

Das Prinzip ist schon lange etabliert, erlitt aber immer wieder Rückschritte durch Verbote. Der Ablauf hier sah wie folgt aus. Ein/e Patient/in beim Ohrenarzt bekam eine Hörminderung diagnostiziert. Daraufhin teilte der Arzt mit, dass eine Versorgung über die Praxis oder ein Fachgeschäft erfolgen könne. Bei der ersten Variante wurde ein Termin vereinbart, an dem ein Partnerakustiker in der Praxis diese abarbeitete. Hier war die Zeit pro Kunde jedoch oft deutlich weniger als im Fachgeschäft. Durch diese zeitliche Verkürzung war die Beratung und Erprobung oft nicht so umfangreich wie eine Versorgung über ein Fachgeschäft. Daher bekam er den genannten Titel. Zuletzt am 04.06.2016 erfuhr diese Variante einen Rückschlag. Das an diesem Tag in Kraft getretene "Antikorruptionsgesetz" setzte u.a. Kooperationen zwischen Ärzten und Akustiker unter Geld- und Haftstrafen. Somit durften Akustiker keine Arbeiten mehr am Patienten durchführen, allerdings das Praxispersonal dafür schulen. Diese haben die Arbeit des Akustikers folgend übernommen.


Onlinekauf

Wie sollte es anders sein. Auch im Internet sind natürlich Hörgeräte zu erwerben. Auch direkt von Akustikbetrieben, die sich auf den Onlinevertrieb spezialisiert haben. Diese Variante hat natürlich viele Nachteile: Eine persönliche Fachberatung findet hier nicht statt. Die Geräte sind zwar oft günstiger, dennoch muss man bedenken, dass eine Anpassung gern ein bis zwei Monate in Anspruch nehmen kann. Ein Onlineakustiker bekommt jedoch nur einen Hörtest von Ihnen und schickt die Geräte mit einer Voreinstellung an Sie zurück. Krankenkassen bezuschussen diese Varianten nicht, wodurch Sie nicht nur den eigentlich Kauf, sondern auch alle folgenden Service- und Reparaturleistungen privat Zahlen müssen. Die Geräte einer unumgänglichen Feinanpassung zu unterziehen, wird Ihnen der Akustiker vor Ort im Zweifel zusätzlich berechnen. Manche Händler bieten Service auch im eigenen Geschäft an, welches allerdings oft irgendwo in Deutschland ist und ordentlichen Fahrstrecken bedarf.

Eine Ausnahme dazu bietet ein junges Startup-Unternehmen. Dieses kauft gebrauchte, aber noch aktuelle und brauchbare Hörsysteme und vertreibt diese wiederum erneut an Endkunden. Dies erfolgt auch unter hinzunahme von Partnerakustikern vor Ort. 

Ein interessanter Zusatz ist, dass Zubehör im Regelfall nicht durch Krankenkassen übernommen wird. Fernbiedienungen, Batterien, Filter usw. sind online durchaus oft günstiger und identisch.  

 

 

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Sonntag, 27. Dezember 2020

Aktuelle Information: Fusion und höhere Zuschüsse

Aktuelle Information

Fusion

Zum 01.01.2021 fusionieren die IKK BIGdirekt gesund mit der actimonda Krankenkasse.


Neuer Zuschuss

Mit dem Stichtag 01.11.2020 hat die AOK Bremen/Bremerhaven die Preise der Kinderversorgung angepasst. Die neuen (Netto-)Beträge sind:

934,58€* je Hörgerät
239,50€** Servicepauschale je Hörgerät (0 - 18. Lebensjahr)

*7% MwSt
**19% MwSt
 

 

Das "who is who" der Hörgeräteindustrie

Wer steckt eigentlich hinter was?

Im Zuge einer Beratung und Ausprobe wird man als Kunde unweigerlich mit diversen Hörgeräteherstellern konfrontiert, die einem oft absolut kein Begriff sind. Bis vor ein paar Jahren war Siemens der einzige "bunte Hund", den man sofort einordnen konnte. Auch Siemens hat die Hörgerätesparte jedoch abgetreten, dafür folgen zwei neue bekannte Namen: Phillips und Telefunken. Doch fangen wir vorne an.

 

Gruppen

William Demant Holding
Diese Firma ist ansässig in Dänemark und im Gesundheitswesen aktiv. Die meisten Anteil an der Holding hält der Hörgerätehersteller Oticon. Doch es gehören weitere Marken der Branche zu der Demant-Gruppe. So sind Bernafon, HHM, PhonicEar, Danacom, Philips und Interacousitcs, Sennheiser ebenfalls Teil des Dachverbandes.

Sonova Holding AG
Sonova hieß bis Mitte 2007 noch Phonak Holding. Jetzt ist klar, dass der Hörgerätehersteller Phonak hinter der Aktiengesellschaft steckt. Doch auch hier zählen weitere Namen dazu, die neben Herstellern auch Fachgeschäfte einbeziehen. Unitron, Hansaton, AudioNova Gruppe, Audium, AuditionSanté, Boots Hearingcare, Connect Hearing, Novasense, Fiebing, Geers, Lapperre, Lindacher, MiniSom, Schoonenberg, Sennheiser (Kopfhörer und Soundbars ab Ende 2021, befristet), Triton, Vitakustik uvm.

WS Audiology Holding
Diser noch recht neue Name beinhaltet zwei alte Bekannte und stammt aus einer Fusion von Widex und Signia (ehem. Siemens). Zu Signia gehört ferner auch die Tochterfirma Audioservice.

 

Einkaufsgemeinschaften/Eigenlabel 

Viele Hörgeräteakustiker versuchen dem Wettbewerb und der Vergleichbarkeit aus dem Weg zu gehen und nutzen Eigenlabel. Entweder kaufen sie dazu Geräte von bekannten Herstellern und labeln diese um (bspw. Kind), oder diesen Part übernehmen Einkaufsgemeinschaften wie Meditrend oder Hörex. Auch hier gibt es Hörgeräte von Firmen wie Oticon, Bernafon oder Unitron unter anderen Namen, wie eben Kind, Ampli (Amplifon), Soniton, oder Sonic zu kaufen.


Markennamen kaufen

Nun kommen wir zur letzten Variante, die ich eingangs bereits erwähnt habe. Bekannte Namen als "Label" zu verwenden ist auch in anderen Branchen nicht unüblich. In der Hörgeräteakustik betrifft dies aktuell Telefunken und Philips.
Letztere gehören ebenfalls zur William Demant Holding. Telefunken hingegen wurde von Starkey etabliert. Auch im Ausland finden sich wieder eigene Markennamen wie Kikrland Signature, die Sonova-Geräte über CostCo vertreiben.


Resound

Resound (oder auch GN Hearing) ist ein Konzert aus Münster und hat ebenfalls mehrere Untermarken in sich vereint. Dazu gehören Interton, Beltone und Jabra.


Starkey

Starkey ist ein amerikanisches Unternehmen mit der Tochterfirma "Starkey Laboratories" in Hamburg. Zu den weiteren Marken gehören Audibel, NuEar, MicroTech, Kind und Telefunken.


Humantechnik

Diese Firma vertreibt Zubehör für hörbeeinträchtigte Menschen. Dazu zählen unter anderem Ringschleifensysteme, Rauchwarnmelder, Vibrationswecker uvm.


Otoplastiklabore

Fertigungslabore für Otoplastiken gibt es mittlerweile deutlich mehr, als noch vor etwa 10 Jahren. Hier sind weitesgehend eigenständige Unternehmen wie Hörluchs (vertreiben zusammen mit Audioservice auch ICP-Hörgeräte), Egger Labortechnik, Dreve uvm. zu nennen.


Sonstige

Bruckhoff -> Stellt Hörbrillen her
Eora -> Fertig Hörschmuck an
Cochlear -> Hersteller von Hörimplantaten


Sicherlich fehlt hier noch der ein oder andere Name, aber die "Big Player" sollten genannt sein.

Samstag, 26. Dezember 2020

Was sind Hilfsmittelpositionsnummern und Tarifkennzeichen?

Was sind Hilfsmittelpositionsnummern und wie setzen diese sich zusammen?

Hilfsmittelpositionsnummern beschreiben letztlich Hilfsmittel und deren Anwendung. Sie besteht aus 10 Zahlen, die wie folgt angeordnet sind:

XX.XX.XX.XXXX

Die ersten beiden Ziffern bezeichnen die Produktgruppe. Beispielsweise Hörgeräte, Kranken- und Behindertenfahrzeuge etc. Die nächsten zwei Ziffern hingegen klassifizieren den Anwendungsort (bspw. Innen- und Außenbereich). Folgend wird eine Untergruppe Definiert und letztlich das genaue Produkt.
Hörgeräte werden eigentlich immer schon vertrieben, bevor die Anmeldung und die damit verbundene Vergabe der Hilfsmittelpositionsnummer abgeschlossen ist. In diesem Fall stellt der Hersteller einen "Gleichwertigkeitsnachweiß" aus, der bei der Abrechnung mit der Krankenkasse beigefügt wird und alle wichtigen Kenndaten enthält.

Was ist ein Tarifkennzeichen?

Ein Tarifkennzeichen bestehen aus fünf Ziffern und bezeichnet die vertraglich geregelten Tarife. Die ersten vier Stellen beschreiben den vertraglichen Geltungsbereich, also die Leistung und den Ort. Die letzten drei Stellen hingegen beziehen sich auf die laufende Vertragsnummer. Wie die Tarifkennzeichen vergeben werden liegt im Ermessen der Kostenträger.

Hier ein paar Beispiele der AOK in Bezug auf Hörgeräte:

Hilfsmittel– Bezeichnung AOK
positionsnr.

Tarifkennzeichen 14 00 110 Erwachsene WHO 2, 3


13.20.10.nnnn Hörgeräte für indikative Versicherte
13.20.12.nnnn
13.99.99.1007 Abschlag für das zweite Hörgerät


13.20.09.nnnn Ohrpassstücke Neuversorgung
13.20.09.nnnn Ohrpassstücke Nachversorgung
13.20.09.5001 Hörschlauchsystem mit Dome
13.99.99.9499 Reparaturpauschale
13.99.01.5000 Zuschlag für CROS-/BICROS
13.99.01.6000 Anschlusssatzvarianten inkl. Mikrofon
13.99.99.9350 Reparatur Cros Kabel
13.99.99.1001 Abschlag bei Nachlieferung von verloren gegangenen

oder unbrauchbar gewordenen Hörsystemen

innerhalb von 6 Monaten

nach Abschluss der Anpassung
13.00.99.9504 Rückvergütung bei vorzeitiger Beendigung der Versorgung,

Wechsel der Krankenkasse oder des Leistungserbringers

oder Schließung der Betriebsstätte,

für jedes nicht in Anspruch genommene Versorgungsjahr




Freitag, 25. Dezember 2020

Fernanpassung

Was ist eine Fernanpassung?

Wie der Name bereits impliziert, gibt es die Möglichkeit sich seine Hörsysteme per "Fernwartung" anpassen zu lassen. Das diese Methode unter Ausschluss jeglicher Messeinrichtungen erfolgt, eignet sie sich überwiegend für kleine Korrekturen in der Hörgeräteeinstellung.

Das Prinzip ist nicht ganz neu und wurde, wenn ich mich recht erinnere, bereits 2009/2010 von der Firma Starkey genutzt. Hier konnten Sie den Akustiker anrufen, der wiederum durch drücken der Telefontasten und den damit verbundenen Klängen in Ihrem Telefonhörer, an den Hörgeräten bestimmte Feinjustierungen vornhemen konnte. Das Verfahren war jedoch recht beschränkt und reichte nur von "lauter/leiser" hin zu "hochtöniger/tieftöniger". 

Heute sind die Dimensionen gänzlich andere. Der Ablauf ist folgender. Der Kunde läd sich beispielsweise die Remote Care-App von Oticon oder die Telecare-App von Signia auf sein Smartphone. Bei Oticon erfolgt eine Registrierung in der App und in Absprache mit dem Akustiker ein Online-Anpasstermin. Bei Signia hingegen erfolgt der Download und die Anmeldung über einen Downloadlink, den der Akustiker Ihnen per SMS zukommen lässt. Nachdem die Geräte mit der App verbunden sind, kann der Akustiker Ihre Hörsysteme vom Fachgeschäft aus fast vollumfänglich justieren. 

Einen Haken hat diese Variante allerdings:
Sie funktioniert natürlich nur mit Hörsystemen höherer Preisklassen, da eine Bluetoothverbindung zum Smartphone notwendig ist. Auch hier muss man vorab ggf. nochmal erfragen, mit welchem Smartphone, bzw. Smartphone-Betriebssystem diese App kompatibel ist.

Alles in allem aber eine sehr nützliche Funktion, die einem den oft mühsamen Weg zum Akustiker ersparen kann. 

 

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Donnerstag, 24. Dezember 2020

Wechseln des Hörgeräteakustikers

Ist das Wechseln des Hörgeräteakustikers während der Ausprobe und nach dem Kauf möglich?

Wir sind auch in diversen Foren zum Thema Hörgeräteakustik aktiv und beantworten dort häufig diese Frage. Eine Ausprobe kann im Schnitt durchaus ein bis zwei Monate Zeit in Anspruch nehmen. Was ist, wenn in dieser Zeit mein Ansprechpartner wechselt oder ich aus anderen Gründen den Akustiker wechseln möchte? Gleiche Frage stellt sich, wenn ich in diesem Fachgeschäft bereits eine Versorgung erhalten habe.

Hier haben Sie alle Freiheiten, die Sie möchten. Sowohl während, als auch nach der Anpassphase ist ein Wechsel problemlos möglich. Folgende Dinge sind jedoch zu beachten:

Während der Anpassung:
Befinden Sie sich noch in der Testphase und haben noch keinen Kauf getätigt, so sollten Sie bei einem Wechsel das Original der ohrenärztlichen Verordnung (sofern Sie es beim Akustiker abgegeben haben) wieder einfordern. Dieses Dokument ist für den neuen Akustiker wichtig, da er damit die Versorgung erneut beantragen und später abrechnen kann. Bei privaten Krankenversicherungen benötigen Sie selbst die Verordnung. Es ist möglich, dass Ihnen individuell gefertigte Otoplastiken (Ohrpassstücke) berechnet werden. Diese können ggf. beim neuen Fachbetrieb wieder genutzt werden.
Es versteht sich von selbst, dass Sie die Testgeräte wieder abgeben müssen.

Nach der Anpassung:
Ist die Testphase schon abgeschlossen und Sie haben die Geräte erworben bzw. es wurde mit der gesetzlichen Krankenkasse abgerechnet, so kommt ein wenig Bürokratie ins Spiel. Die Sachlage ist folgende: Beim Erwerb eines Hörgerätes zahlt die gesetzliche Krankenkasse nicht nur einen Zuschuss auf das Hörsystem, sondern auch eine Reparaturpauschale. Diese ist sechs Jahre gültig und deckt Serviceleistungen und Reparaturen voll oder anteilig ab (je nach Hörsystem). Für den neuen Akustiker ist nun wichtig, wann Sie innerhalb der sechs Jahre wechseln. Anders gesagt: Ihn interessiert das Kaufdatum. Anhand dessen kann er errechnen, wieviel von dieser Pauschale anteilig noch vom vorherigen Akustiker eingefordert werden kann. Dieses Procedere gilt nicht für privat Versicherte. Hier werden alle Leistungen privat und gesondert abgerechnet. Daher entfällt hier der bürokratische Teil gänzlich. Für gesetzliche Krankenkassen gilt:

Pauschalbetrag / sechs Jahre * restlicher Versorgungszeitraum = Restpauschale

(Bei Berufsgenossenschaften sind es übrigens nur fünf Jahre)

Sie als Kunde unterschreiben nur, dass Sie fortan von dem neuen Akustiker betreut werden möchten und den Rest erledigt das neue Fachgeschäft.


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Mittwoch, 23. Dezember 2020

Auswahl einer Versorgung

Auswahl einer Versorgung


Verstärkung

Um die Verstärkung des Hörgerätes auszuwählen ist prinzipiell das Tonaudiogramm ausschlaggebend. In der Anpasssoftware der Hersteller ist heutzutage die Versorgbarkeit mit bestimmten Hörerstärken einzusehen. Da einkanalige Hörsysteme nur noch bei älteren Modellen zu finden sind, ergibt sich die jeweilige Verstärkung in Abhängigkeit vom Frequenzbereich. Der herkömmliche Weg ist jedoch abhängig vom Sprachaudiogramm. Hier wird die Differenz von 65dB(i) bis zum individuellen dBopt (Lautstärkewert des optimalen Sprachverstehens) des Kunden abgelesen und eine Verstärkungsreserve von 15dB hinzugerechnet. Dieser Wert kann nun mit den Werten der Hörgerätedatenblätter verglichen und somit eine Auswahl getroffen werden.


Funktionen

Hörsysteme verfügen über eine Vielzahl diverser Zusatzfunktionen, welche zum reinen Ausgleich des vorhandenen Hörverlustes zwar nicht notwendig sind, dem Träger aber in bestimmten Situationen mehr Komfort bieten. So gut wie alle derzeitigen Geräte verfügen über einen Programmwahltaster, welcher dem Träger ermöglicht, verschiedene, vom Akustiker eingestellte, Hörprogramme zu nutzen. Der Akustiker hat die Möglichkeit seinem Kunden die Einstellungen des Hörgerätes für bestimmte Situationen zu optimieren. Ein gängiges Beispiel wäre ein Hörprogramm, das für das Verstehen in geräuschvollen Umgebungen eingestellt wird oder aber ein Musik-, Telefon- oder Fernsehprogramm. Der Träger kann nun, sobald er sich in der entsprechenden Hörsituation befindet, das passende Programm dazu wählen. Bei hochwertigeren Systemen geschieht diese Optimierung automatisch, sobald sich der Träger in eine andere Situation begibt. Bei manchen Herstellern kann dieser Knopf auch für Lautstärkeänderungen oder als Ein- und Ausschaltknopf programmiert werden. Eine andere manuelle Funktion ist das Lautstärke-Potentiometer, welches zur Änderung der Lautstärke dient. Heutzutage findet man statt dem Drehrädchen immer häufiger eine Wippe, welche aber die gleiche Funktion aufweist. Der Bereich, in dem der Träger die Lautstärke variiere kann wird vorab in der Software des Herstellers festgelegt. Um bei Erstanpassungen ein manuelles Eingreifen zu verhindern, wird diese Option meist vorübergehend deaktiviert. Andere Funktionen ergeben sich aus dem Anamnesebogen, welcher vorab mit dem Kunden zusammen abgearbeitet wird. Hier einige Funktionen als Beispiel im Überblick (Hersteller nutzen eigene Bezeichnungen):


  • Impulsschalldämpfung: Zur Reduktion von plötzlich auftretenden Schallereignissen

  • Windgeräuschunterdrückung: Zur Reduktion von Windgeräuschen im Freien

  • Mehrmikrofontechnik: Meist zwei parallel angeordnete Mikrofone

  • Richtmikrofon: Erkennt Sprachsignale aus der Blickrichtung des Trägers und fokussiert den Aufnahmewinkel ca. 90° in vorderer Richtung

  • Adaptives Richtmikrofon: Fokussiert in Blickrichtung den lautesten Sprecher

  • Störschallunterdrückung: Zur Reduktion von Nebengeräuschen

  • Rückkopplungsunterdrückung: Reduziert auftretende Rückkopplungen und ermöglicht so eine offenere Versorgung und/oder mehr Verstärkung

  • Situationserkennung: Erkennt die aktuelle Hörsituation und schaltet alle nötigen Zusatzfunktionen automatisch ein

  • Verarbeitungskanäle: Momentan erstrecken sich die Verarbeitungskanäle von 4 – 40, je nach Preisklasse. Somit kann für bis zu 40 Tonhöhen ein Verstärkungswert hinterlegt werden. Ähnlich wie bei einem Equalizer an der Stereoanlage.

  • Anpassmanager: Erhöht in einem festgelegten Zeitraum die Verstärkung automatisch um einen definierten Wert. Auch bei "gleitender Anpassung" (langsame Lautstärkeerhöhung innerhalb der Testphase) ein hilfreiches Feature.

  • Datalogging: Zeichnet Tragedauer, ggf. erkannte Hörsituationen, Batterieverbrauch und manuelle Änderungen auf

  • Frequenzkompression/Frequenzverschiebung: Verschiebt oder kopiert hohe Töne in tiefere Tonbereiche

  • Hallreduktion: Senkt Hall in Treppenhäusern, Kirchen usw. ab


Bauformen

Die Bauform wird grundlegend in zwei Arten unterteilt. Das In-dem-Ohr-Gerät (kurz: IdO) und das hinter-dem-Ohr-Gerät (kurz: hdO). IdO-Geräte kann man wiederum in mehrere Baugrößen trennen. Die kleinste ist die CIC-Form welche nichts anderes als „complete in channel“, also „komplett im Gehörgang“ bedeutet. Angewandt wird diese Form bei leichten Hörminderungen. Die etwas größere Variante ist die ITC-Form (in the channel) welche die Integration eines Lautstärkereglers oder Programmknopfs ermöglicht und bei leichten bis mittelgradigen Hörverlusten zum Einsatz kommt. Die dritte Größe wird mit ITE abgekürzt, was für „in the ear“ steht. Diese Bauform füllt das komplette Ohr aus und bietet daher Platz für Lautstärkeregler, Programmschalter und Mehrmikrofontechnik. Auch mit dieser Art werden mittelgradige Fehlhörigkeiten behandelt.

Bei HdO-Geräte befindet sich das “Gehäuse” hinter dem Ohr. Der verstärkte Schall wird lediglich durch einen Schlauch in den Gehörgang geleitet, oder aber durch einen im Gehörgang sitzenden Lautsprecher erst dort generiert. Lautstärkesteller oder Programmschalter sind bei dieser Variante meist kein Problem und bei diversen Geräten serienmäßig vorhanden.

Die eigentliche Auswahl des letztendlichen Hörsystems ist zum einen abhängig von der benötigten Verstärkung, von der Art des Hörverlustes und von den Wünschen des jeweiligen Kunden. 

Es gibt noch fünf weitere "Sonderformen". Zum einen ist hier das CI (Cochlearimplantat), Ohrschmuck, Hörbrillen, Hörverstärker, ICP, und Lyric zu nennen. Ein CI wird operativ eingesetztes und leitet Schall, per Vibration, direkt in das Innenohr. Dies kommt nur zum Einsatz, wenn der Träger kein intaktes Außen-/Mittelohr mehr hat und ein herkömmliches Hörgerät hier keinen Nutzen hätte. Ohrschmuck sind beispielsweise Ohrstecker, in denen das Hörsystem verbaut wird. Hörbrillen sind eine Kombination aus Brille und angebautem Hörgerät, welches sich am Bügel (hinter dem Ohr) befindet. Hörverstärker sind KEINE Hörgeräte. Hörverstärker sind wie Kopfhörer oder Lautsprecher und verstärken alles linear. Es findet keine Anpassung an den individuellen Hörverlust statt. Daher findet man diese Variante oft auch in Discountern oder online. ICP Hörgeräte sind Systeme, die für den Lärmarbeitsplatz konzipiert wurden. Sie bestehen aus einem Hörgerät und einem Gehörschutz. Verknüpft mit verschiedenen Hörprogrammen, kann der Träger diese Kombination sowohl privat, als auch beruflich nutzen. Lyric ist ein Gerät der Firma Phonak und wird in den Gehörgang eingesetzt. Es ist technisch sehr reduziert, um alle Bauteile möglichst klein zu halten und den wirtschaftlichen Aspekt zu berücksichtigen. Diese Geräte sind als Abo erhältlich und werden regelmäßig ersetzt. Dieses "Wegwerfkonzept" schlägt sich natürlich im Preis nieder.


Otoplasiken

Die verschiedenen Otoplastik-Formen werden anhand der anatomischen Gegebenheiten des Kundenohrs und des individuellen Hörverlustes ausgewählt. Hier ist nicht nur die grundlegende Form, sondern auch die Länge des in den Gehörgang ragenden Zapfens entscheidend. Je nach Form und Größe des Außenohres variieren die benötigten Stütz- und Haltezonen. Bei sehr festem Gewebe beispielsweise, kann auf Ring-, Spangen- und Krallenotoplastiken verzichtet werden. Bei weichem Gewebe ist ein zusätzlicher Halt meist unumgänglich. Prinzipiell ist bei hochgradigen Hörverlusten die Zusatzbohrung im Ohrstück von geringerem Durchmesser und der Zapfen wird länger gelassen. Zudem greift man hier eher auf eine Schalenotoplastik zurück, da diese das Ohr optimaler abdichtet und den Schallaustritt (und somit auch Rückkopplungen) verhindert. Medizinisch gesehen ist auch die Hautverträglichkeit von Bedeutung. Um diese so gut wie möglich zu gestalten, gibt es antibakterielle Beschichtungen. In besonderen Fällen kann zudem ein anderes Material gewählt werden. Zur Verfügung steht hier das standardmäßig verwendete harte Acryl, ein weiches Acryl, ein verformbares Material (Thermotec1) und diverse Edelmetalle. Letztere werden hauptsächlich bei extremen Hautreaktionen oder als Verschönerung genutzt. Weiches oder verformbares Material hingegen kommt zur möglichst optimalen Abdichtung und für erhöhten Tragekomfort zum Einsatz. Hier wird auf eine Zusatzbohrung im Regelfall verzichtet.

Hohlkanal- oder Folienotoplastiken gibt es in den gängigen Formen, jedoch wird hier der Zapfen bis auf eine dünne Wand ausgehöhlt. Bei der Folieplastik ist der Zapfen in Gehörgangsrichtung mit Bohrungen versehen. Die Hohlkanalotoplastik hingegen hat die Bohrungen auf der Seite des Gehörgangsausgangs. Die erste Variante dient vorrangig einem besseren Tragekomfort, letztere Variante einer Beeinflussung der akustischen Gegebenheiten, da hier das Restvolumen verändert wird.

1Wird mit zunehmender Wärme weicher

 

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Wir verfassen alle Beiträge nach bestem Wissen und Gewissen. Fachbegriffe versuchen wir immer direkt oder in einem gesonderten Post zu erklären. Für Fragen und Anregungen stehen wir, über das Kontaktformular und die Kommentarfunktion, immer zur Verfügung.

Dienstag, 22. Dezember 2020

Audiologische Messungen

Audiologische Messungen

Ton- und Sprachmessung

In der Tonaudiometrie werden zum einen die Übertragungseigenschaften vom Außen- und Mittelohr und zum anderen die Empfindung durch das Innenohr gemessen. Bei der Luftleitungsmessung wird dem Probanden, im Bereich von 250Hz bis 8kHz, ein Ton mit ansteigender Lautstärke über einen Kopfhörer angeboten. Die gemessene Person gibt an, sobald sie den Ton grade wahrnehmen kann. Durch die Messungen der verschiedenen Frequenzen entsteht die Hörschwelle. Begonnen wird bei allen Messungen immer auf dem besser-hörenden Ohr. In dieser Messungen sind die Schallleitung und die Schallempfindung berücksichtigt. In einer Messungen über die Knochenleitung wird nun das Außen- und Mittelohr von der Untersuchung ausgeschlossen, da der Ton über den Schädelknochen direkt an das Innenohr übertragen wird. So kann der Akustiker die Schädigung des Hörorgans bereits oberflächlich lokalisieren. Im Regelfall wird hier jedoch nur von 500Hz bis 4kHz gemessen, da ein tieferer Ton mehr gefühlt als gehört würde und ein höherer Ton zu wenig Energie besitzt, um vom Schädelknochen ausreichend übertragen zu werden. Ist bei der Knochenleitungsmessung keine Schädigung ersichtlich, so liegt die Schädigung vor dem Innenohr. Ist diese Messung jedoch identisch mit der Luftleitungsmessung, so ist die Schädigung bei der Schallempfindung angesiedelt. Bei der ersten Variante ist ein Verlust bei beiden Messungen ersichtlich, jedoch ist ein Abstand zwischen beiden Messungen erkennbar. Hierbei ist der Hörverlust begründet durch das komplette Hörorgan.

Zur Einstellung der Hörsysteme und zur weiteren Kategorisierung wird zudem die Unbehaglichkeitsschwelle gemessen. Wie bei der Knochenleitungsmessung werden auch hier nur die Frequenzen 500Hz, 1khz, 2khz und 4kHz angeboten. Der Proband gibt nun an, wann ihm die vorgespielten Töne unangenehm laut werden. Sollte das Ergebnis unter den Normwerten liegen, so ist die Schädigung wahrscheinlich endocochleär (in der Hörschnecke) und die resultierende Dynamik eingeschränkt. Man spricht auch von einem sogenannten Recruitment. Fällt die Messung jedoch normal aus, oder ist über dem Normalwert, ist von einer retrocochleären (hinter der Hörschnecke) Schädigung auszugehen. Aus der Luftleitungsmessung und der Unbehaglichkeitsgrenze ergibt sich die Restdynamik des Kunden.

 

Als Normalwerte gelten in der Tonaudiometrie folgende Werte:

  • Für die Luftleitungsmessung: 0dB HL – 20dB HL

  • Für die Knochenleitungsmessung: 0dB HL – 10dB HL

  • Für die Unbehaglichkeitsgrenze: 90dB HL – 110dB HL


Dargestellt wird das Messergebnis in einem Tonaudiogramm, welches den Lautstärkepegel im Bezug auf die gemessene Frequenz angibt.

Bei der Sprachmessung wird das Verstehen in Abhängigkeit der Lautstärke über einen Kopfhörer gemessen. Um die Verständlichkeitsschwelle des Probanden herauszufinden, wird vorerst mit mehrsilbigen Zahlworten das 30 – 70%ige Verstehen ermittelt. Hierzu wird ein Pegel angeboten, der 15dB über dem gemessenen 500Hz-Ton der Luftleitung im Tonaudiogramm liegt. Sofern das gewünschte Ergebnis nicht erzielt wird, wird der Pegel um +-5dB verändert, da das Sprachverstehen von mehrsilbigen Worten schon von geringen Pegelunterschieden beeinflusst wird. Folgend wird auch hier die Unbehaglichkeitsgrenze gemessen. Im Regelfall ist diese 5 – 10dB höher als die im Tonaudiogramm, da Mehrsilber nicht impulsartig sind und vom Ohr somit eher toleriert werden. Dem Probanden wird nun bei einem relativ leisen Pegel (ca. 80dB) ein Zahlwort vorgespielt. Gibt er an diesen als angenehm zu empfinden wird der Pegel um 10dB erhöht. Hier ist es wichtig, dass man individuell auf die Wahrnehmung der Messperson eingeht und den Pegelanstieg verringert, sobald man sich der zu erwartenden Unbehaglichkeitsgrenze nähert. Nun wird der Dynamikbereich des Sprachaudiogramms in einen sinnvollen Messbereich eingeteilt. Hierzu verschiebt man zuerst die Normkurve der Mehrsilber zum gemessenen Punkt und liest das 50%ige Verstehen ab. Der dazugehörige Pegel wird um 15dB erhöht und dient als Nutzschall zum Beginn der Einsilbermessung. Sofern eine der Nachbarfrequenzen im Tonaudiogramm besser ist als die Hörschwelle bei 500Hz, wird mit dem besseren Wert gemittelt. Sollte der resultierende Pegel jedoch unter 65dB liegen, so nimmt man 65dB. Von diesem Punkt wird der Nutzschall um 15 dB erhöht. Somit ergeben sich folgende Nutzschallpegel: 65dB, 80dB und 95dB. Generell ist diese Erhöhung mindestens zwei Mal durchführbar. Sollte die Unbehaglichkeitsgrenze es zulassen, so wird der Pegel weiter erhöht, bis 10dB vor diese Grenze. Sofern die Dynamik stark eingeschränkt ist, wird der Nutzschall lediglich soweit erhöht, bis er auch hier maximal 10dB vor der Unbehaglichkeitsgrenze liegt.

Vom Tonaudiogramm kann grundlegend ein Bezug zum Sprachaudiogramm hergestellt werden. Im Folgenden ein paar „Regeln“ zur Herleitung der Sprachmessungen als Übersicht.

  • Ist die Hörminderung im Tonaudiogramm erst ab 3kHz größer als 40dB, kann im Sprachaudiogramm mit einer Sprachverständlichkeit von 75 - 100% bei 65dB gerechnet werden.

  • Ist die Hörminderung im Tonaudiogramm erst ab 2kHz größer als 40dB, kann im Sprachaudiogramm mit einer Sprachverständlichkeit von 30 - 70% bei 65dB gerechnet werden.

  • Ist die Hörminderung im Tonaudiogramm erst ab 1kHz größer als 40dB, kann im Sprachaudiogramm mit einer Sprachverständlichkeit von 0 - 25% bei 65dB gerechnet werden.

  • Die Unbehaglichkeitsgrenze im Sprachaudiogramm ist 5 - 10dB über der im Tonaudiogramm.

  • Die Hörschwelle im Tonaudiogramm bei 500Hz + 15dB entspricht dem Startpegel für die Mehrsilbermessung im Sprachaudiogramm.

Gängige Symbolik (rot = rechts, blau = links)

O = Luftleitung rechts / Einsilber- & Mehrsilbermessung rechts
X = Luftleitung links
/ Einsilber- & Mehrsilbermessung links
> = Knochenleitung rechts
< = Knochenleitung links
U = Unbehaglichkeitsgrenze (blau/rot)

Tympanometrie

Bei der Tympanometrie wird die Schwingungsfähigkeit des Trommelfells ermittelt. Hierzu wird das Außenohr mit einer entsprechenden Messsonde luftdicht verschlossen und der Luftdruck im Gehörgang verändert. Dadurch wird das Trommelfell maximal aus- oder eingebeult. Nun wird ein konstanter Ton von 220Hz vom Messgerät abgegeben und die Reflektion am Trommelfell gemessen. Somit kann festgestellt werden, ob beispielsweise ein Loch vorhanden ist oder das Trommelfell durch andere Einflüsse in seiner Schwingungsfähigkeit eingeschränkt ist. In einem Tympanogramm wird das Resultat der Messung dargestellt. Hier ist die Auslenkung des Trommelfells in Abhängigkeit des Drucks ersichtlich.

Auch diese Messungen lässt Rückschlüsse auf die patholigischen Ursachen schließen.


Vertäubung

In der Ton- wie auch in der Sprachaudiometrie kann es unter bestimmten Gegebenheiten dazu kommen, dass der Proband den angebotenen Ton oder das angebotene Wort auf dem gegenüberliegenden Ohr wahrnimmt. In der Tonaudiometrie ist dies unter folgenden Umständen möglich:

  • Die Knochenleitung des besserhörenden Ohrs weißt eine Differenz von 50dB oder mehr zur Luftleitung des schlechteren Ohrs auf,

  • Die Knochenleitung des besseren Ohres weißt eine Differenz zur Knochenleitung des schlechteren Ohrs von 10dB oder mehr auf


Das besserhörende Ohr wird mit einem Schmalbandrauschen vertäubt. Der Pegel des Rauschens liegt 20dB über der Hörschwelle der entsprechenden Frequenz und läuft ab der Hörschwelle des schlechteren Ohres synchron, also mit gleichem Pegelanstieg wie der Messton, mit.

In der Sprachaudiometrie hingegen wird die Differenz vom 10%igen Verstehen, von Einsilbern oder Mehrsilbern, hin zum Nutzsignal des schlechteren Ohrs berücksichtigt. Sollte die Differenz 50dB oder mehr betragen, so wird auch hier das bessere Ohr vertäubt. Um die Differenz zu erkennen, wird die Normkurve zum gemessenen Punkt der entsprechenden Messung verschoben und der Pegel, bei dem der Proband 10% der vorgespielten Worte korrekt verstanden hat, abgelesen. Nun wird der Startpegel für das schlechtere Ohr eingestellt. Sollte der Pegel am 10%-Schnittpunkt des besseren Ohres beispielsweise 30dB betragen, der Startpegel des schlechteren Ohrs jedoch 80dB, so ist die Differenz 50dB und das bessere Ohr muss vertäubt werden, da die Sprache auf diesem Ohr wahrgenommen werden könnte.

In beiden Fällen darf der Rauschpegel jedoch nicht mehr als 50dB über der Hörschwelle liegen, da er sonst zu Knochenschall wird und somit das Messergebnis verfälschen könnte und maximal 10dB vor der Unbehaglichkeitsgrenze. Liegt auf dem besser hörenden Ohr ein Schalleitungsanteil vor, so wird dessen Mittelwert bei 500Hz, 1kHz und 2kHz gebildet und zur Ermittlung der Vertäubungsgrenze (Differenz von 50dB) abgezogen. Bei einem gemittelten Schalleitungsanteil von 15dB müsste also im oben genannten Beispiel statt bei 80dB schon ab 65dB vertäubt werden. Auch der Rauschpegel ändert sich durch diese Art der Fehlhörigkeit, da er immer 40dB unter der Vertäbungsgrenze liegt, der Schalleitungsanteil jedoch wieder draufgerechnet wird.


Überschwellige Zusatztest

Abgesehen von der Ton- und Sprachaudiometrie gibt es weitere Messungen, die beim Einkategorisieren der Hörminderung helfen. Mittlerweile werden noch zwei Tests praktiziert. Zum einen der Lüscher-Test und zum anderen der SISI-Test (Short Increment Sensivity Index). Beim SISI-Test wird dem Probanden bei einer Prüffrequenz zwischen 1kHz und 4kHz ein gleichbleibender Ton vorgespielt, welcher 20dB über der Hörschwelle liegt und 20 Mal seinen Pegel um 1dB verändert. Der Kunde soll nun angeben, wie viele Pegelsprünge er wahrnimmt. Die Knochenleitungsmessung muss bei der Prüffrequenz mindestens einen Hörverlust von 40dB aufweisen, da so das Pegelunterscheidungsvermögen erhöht ist. Anhand der Auswertung kann nun die Hörschädigung folgendermaßen bestimmt werden:

Bei einer Wahrnehmung von

  • 0-15% der Pegelsprünge ist die Hörminderung retrocochleär

  • 20-60% der Pegelsprünge ist die Hörminderung nicht eindeutig zu benennen

  • 65-100% der Pegelsprünge ist die Hörminderung endocochleär


Der Lüscher-Test hingegen verringert die Pegelsprünge von 5dB auf maximal 0,2dB, ist aber sonst gleich dem SISI-Test. Somit kann festgestellt werden welchen Pegelunterschied der Proband maximal noch wahrnehmen kann. Die Auswertung ist hier wie folgt:

Bei einer Wahrnehmung von

  • 1dB oder weniger ist die Hörminderung endocochleär

  • mehr als 1dB ist sie retrocochleär


Im Tonaudiogramm wird der Lüscher-Test beim gemessenen Pegel und der Entsprechenden Frequenz eingetragen. Der SSI-Test wird ergänzend unter oder neben dem Tonaudiogramm dokumentiert.


Sollte der Kunde bei einer Messfrequenz mehrmals eine abweichende Antwort geben, kann mit Hilfe des Carhart-Tests der Schwellenwund ermittelt werden. Hierzu wird dem Kunden der entsprechende Ton mit einem Pegel von 5dB SL angeboten. Er muss nun angeben, ob der Ton nach einer Zeit von 60 Sekunden noch hörbar ist. Sollte er diesen schon vorher nicht mehr wahrnehmen, wird der Messpegel erneut um 5dB erhöht, bis er über eine Minute hörbar bleibt.


Bewerten der Messergebnisse

Ton- und Sprachaudiogramme lassen sich mit bestimmten Richtlinien relativ genau beschreiben. Im Tonaudiogramm wird jede Messungen im einzelnen betrachtet und der Verlauf, Grad, die Darstellungsart, die Art der Hörminderung, die gemessene Seite, sowie die Dynamik und medizinische Hintergründe erläutert. Angefangen wird in der Regel bei der entsprechenden Seite und dann bei der Darstellungsart, welche im Regelfall in dB HL (Hearing Level) erfolgt. Folgend wir der Verlauf der Knochenleitungs-Messkurve beschrieben. Wie auch bei der Luftleitungsmessung gilt hier:

  • schwanken drei Messpunkte oder mehr maximal 5dB um einen Wert, so ist der Verlauf frequenzunabhängig

  • Fällt oder steigt die Kurve um weniger als 20dB pro Oktave, wird sie mit schrägverlaufend, bei 20dB oder einem höheren Wert, mit steilverlaufend angegeben.

Der Grad hingegen wird lediglich bei der Luftleitung angegeben. Hier gilt:

  • Im Bereich von 0-20dB ist kein Hörverlust vorhanden

  • Im Bereich von 20-40dB ist ein geringgradiger Hörverlust vorhanden

  • Im Bereich von 40-60dB ist ein mittelgradiger Hörverlust vorhanden

  • Im Bereich von 60-80dB ist ein hochgradiger Hörverlust vorhanden

  • Über 80dB ist der Hörverlust an Taubheit grenzend


Die Knochenleitungsmessung ist ergänzend auch mit dem Ort der Schädigung wie folgt zu bennenen.

  • Bei einer Absenkung im Hochtonbereich ist die Schädigung apicocochleär (an der Schneckenspitze)

  • Bei einer Absenkung im Mitteltonbereich ist die Schädigung mesocochleär (in der Schneckenmitte)

  • Bei einer Absenkung im Tieftonbereich ist die Schädigung basocochleär (am Schnecken Anfang)

  • Ist die Schädigung in allen Tonhöhen ersichtlich ist die Schädigung pancochleär (in der gesamten Schnecke)

Die Unbehaglichkeitsgrenze im Tonaudiogramm hingegen wird nicht in ihrem Verlauf beschrieben. Hier gilt:

  • Im Bereich von 90-110dB ist die Unbehaglichkeitsgrenze normal

  • Bei weniger als 90dB ist sie zu niedrigeren Pegeln verschoben

  • Bei mehr als 110dB ist sie zu höheren Pegeln verschoben

  • Sofern der Punkt nicht messbar ist, da die Skalierung und somit die Lautstärke nicht ausreicht, wird der entsprechende Punkt mit „ALG“ (Audiometer Leistungsgrenze) angegeben.


Ist der Bereich von der Hörschwelle hin zur Unbehaglichkeitsgrenze an einem oder mehreren Messpunkten geringer als 80dB, so gilt die Dynamik des Probanden als eingeschränkt. Ist der Abstand jedoch gleich oder größer, so ist sie normal.

Nun betrachtet man den Unterschied zwischen der Knochenleitungs- und der Luftleitungsmesskurve. Ist eine Differenz vorhanden, ist die Hörminderung kombiniert, da sowohl der Luftleitungsweg (Außen- und Mittelohr), wie auch die Schallempfindung (Innenohr und/oder Hörnerv) betroffen sind. Sofern die Knochenleistungsmessung gleich der Luftleitungsmessung ist (meist angegeben mit KL=LL), ist lediglich ein Schallempfindungsanteil vorhanden. Diese Art wird somit auch als Schallempfindungsfehlhörigkeit bezeichnet. Die dritte Möglichkeit weist keinen Schallempfindungsanteil auf, da die Knochenleitung im Normalbereich liegt, die Luftleitung ist allerdings geschädigt. In diesem Fall wird die Hörminderung als reine Schallleitungshörminderung betitelt. Ferner wird durch die Luftleitungsmessung die Hörminderung in verschiedene Typen klassifiziert. Ist lediglich der Hochtonbereich geschädigt, spricht man von einer Hochtonhörminderung. Bei einer reinen Schädigung des Tieftonbereichs entsprechend von einer Tieftonhörminderung. Eher selten zu finden ist die Mitteltonsenke, welche einen Hörverlust im Mittelton- und somit im Hauptsprachbereich aufweist. Diese Art ist meist erblich bedingt. Die letzte Art ist der breitbandige Hörverlust. Hier sind alle Frequenzen in etwa gleich betroffen.

Die weitere Klassifizierung erfolgt durch Bestimmung des Typs. Hier sind der Dämpfungs-, Versteifungs- und Summationstyp zu nennen. Beim Dämpfungstyp laufen zum Hochtonbereich hin die Messkurven der Knochen- und Luftleitung auseinander. Dies ist der Fall, wenn das Innenohr den Hochtonbereich noch umsetzen kann, er aber durch den Schallleitungsweg an der Übertragung gehindert wird. Diese Art tritt beispielsweise bei einer schlaffen Trommelfellnarbe auf. Beim Versteifungstyp ist der gleiche Verlauf zum Tieftonbereich erkennbar. Auch hier kann das Innenohr zwar tiefe Frequenzen wahrnehmen, jedoch werden auch sie an der Übertragung gehindert. Hier wäre eine steife Trommelfellnarbe als mögliche Ursache zu nennen. Der Summationstyp beinhaltet beide Varianten. Wie auch bei den vorherigen Typen ist das Innenohr hier nicht oder nur leicht geschädigt, der Luftleitungsweg behindert jedoch die Weiterleitung.

Ergänzend wird angegeben, ob ein sogenannten Recruitment vorliegt. Das Recruitment beschreibt prinzipiell das Verhältnis zwischen Luftleitungskurve und Unbehaglichkeitsgrenze. Ist letztere um den gleichen Anteil zu höheren Pegeln verschoben wie die Luftleitung, so liegt kein Recruitment vor. Ist die Unbehaglichkeitsgrenze jedoch zu niedrigeren Pegeln versetzt, so ist nicht nur die Dynamik eingeschränkt, sondern auch das Lautstärkeempfinden des Kunden erheblich sensibler.


Lautheitsskallierung

Bei der Lautheitsskallierung wird das subjektive Lautheitsempfinden in Abhängigkeit vom angebotenen Lautstärkepegel dargestellt. Hierzu wird dem Probanden ein Messton vorgespielt, welcher seine Lautstärke in fest definierten Werten variiert. Der Proband gibt nun an, wie er den angebotenen Ton empfindet. Zur Auswahl stehen hier die Antworten:

  • nicht gehört

  • sehr leise

  • leise

  • mittellaut

  • laut

  • sehr laut

  • zu laut


Anhand der Kundenantworten wird nun eine Kurve generiert, welche im Vergleich zum Normalhörenden zu betrachten ist.


Tuningkurve

Die Empfindlichkeit der inneren Haarsinneszellen kann man anhand der Tuningkurven messen. Die Messung gibt Aufschluss über ihre Funktion und Reitzweiterleitung bei einer bestimmten Frequenz in Abhängigkeit der angebotenen Lautstärke.

Bei Schallempfindungshörminderungen hat die Kurve ihren Startpunkt durch die Hörminderung bei höheren Pegeln und steigt nur sehr flach an. Bei Schallleitungshörminderungen hat die aufgezeichnete Kurve ihren Verlauf im Gesamten um den Schallleitungsanteil zu höheren Pegeln verschoben. Aufgrund der passiven Wanderwelle im Innenohr, ist der Knickpunkt, an dem die Kurve bei Normalhörenden abflacht, bei 50dB. Ab diesem Wert werden mehr innere Haarsinneszellen angeregt und somit mehr Reize an das Gehirn weitergeleitet werden. Dieser Effekt (Recruitment) hat zur Folge, dass auch bei geringer Erhöhung der Lautstärke eine große Änderung empfunden wird. Durch die Aufzeichnung von Tuningkurven hat sich herausgestellt, dass Frequenzen vom Normalhörenden bei leisen Pegeln besser unterschieden werden können als bei lauten Pegeln. Das Lautstärkeunterscheidungsvermögen nimmt mit ansteigendem Pegel jedoch zu. 

 

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