Sonntag, 21. März 2021

Was kommt denn jetzt ins Ohr?

Was ist komfortabel, sinnvoll und hält?

Bei einer Hörgeräteversorgung ist die Befestigung im Ohr ein ausschlaggebender Punkt für Komfort beim Tragen und Hören. Verschiedene Einsätze haben auch unterschiedlichen Einfluss auf den Klang. Zudem gibt es diverse Möglichkeiten, die nicht immer gleich sinnvoll sind. Bei der Auswahl spielen akustische, anatomische, medizinische, haptische und optische Aspekte eine Rolle. 

Grundlegend gibt es angepasste Otoplastiken und Standard-Aufsätze (Domes, Griptips, 70%-Otoplastiken). Die Bandbreite an Materialien ist ebenso umfangreich. Ich möchte hier einige Varianten vorstellen und deren Vor- und Nachteile aufzeigen. 


Domes

Als Domes, Hütchen oder Schirmchen werden kleine Aufsätze bezeichnet, die aus weichem Silikon gefertigt sind. Es gibt bis zu sechs verschiedene Durchmesser, je nach Gehörgangsgröße. Je leichter der Hörverlust, desto offener sind diese Schirmchen. Bei starker Hörminderung kommen Doppeldomes zum Einsatz, die mit zwei geschlossenen Schirmen den Gehörgang besser abdichten. Das ist notwendig, damit ggf. der Schall nicht aus dem Ohr austritt und Rückkopplungen entstehen. Da diese Variante keinen weiteren Halt in der Ohrmuschel bietet, kann sie mit Sporthalterungen (Abstützungen) ergänzt werden. Diese "Plastik-Schnur" liegt unten im Außenohr um dort gegenhalten zu können. Dies vermindert das Rausrutschen des Schirmchens aus dem Ohr. Eine etwas andere Form haben die Tulpen-Domes. Sie sind konisch und an den Seiten eingeschnitten. So passen sie sich besser an den Gehörgang an, dichten aber dennoch hermetisch nicht völlig ab. Der Vorteil ist der schnelle Austausch, die sofortige Verfügbarkeit, die unauffällige Optik und evtl. der Tragekomfort (weniger Material). Es hat aber auch Nachteile, da es filigraner ist, nicht angepasst und daher akustisch nicht optimal, sie im Ohr stecken bleiben oder verloren gehen können und leichter aus dem Ohr rutschen. Verwendet werden sie für Slimtubes und Ex-Hörer.


diverse Domes

Open-, Closed- und Doubledomes

Open Domes



Griptips/Sleeves etc.

Die Bezeichnung variiert je nach Hersteller, meint aber im Grunde das gleiche. Hierbei handelt es sich um Aufsätze, die ebenfalls in Standardgrößen erhältlich und aus Silikon gefertigt sind. Es sind jedoch keine Domes, sondern konische gegossene Stücke mit diversen Zusatzbohrungen. Diese Bohrungen haben den gleichen Zweck, die die offenen oder geschlossenen Domes. Sie dichten mehr oder weniger stark ab. Auch hier ist eine Ergänzung durch Sporthalterungen möglich. Die Vor- und Nachteile sind analog zu den Domes zu sehen. Es kann passen, muss aber nicht. Auch die Einsatzmöglichkeiten sind identisch.


GripTips/Sleeves
 
 
70%-Otoplastik

Eine Otplastik ist ein durch eine Ohrabformung hergestelltes Passstück. Bei der 70%-Otoplastik handelt es sich jedoch um eine "Durchschnitts-Otoplastik" die bei 70% der Erwachsenen mehr oder minder passen soll. Diese Variante ist mir lange nicht mehr zu Gesicht gekommen, ist aber ähnlich zu den Griptips/Sleeves zu sehen. Verwendet wird sie im Gegensatz zu den beiden vorherigen Optionen allerdings fast ausschließlich für Standardschallschläuche (HdO). Es gibt auch Im-Ohr-Hörgeräte (IdOs) die nach diesem Prinzip als Standardpassform gefertigt werden (bswp. Signia Silk).

 

70%-Otopalstiken


Die Otoplastik

Kommen wir nun zum umfangreichsten Kandidaten der Ankopplungen: Die Otoplastik.
Ich habe in einem vergangen Artikel bereits einige Varianten aufgezeigt, werde es hier aber noch weiter ausführen. Diese Variante wird mittels Ohrabformung maßgefertigt.
Wichtig ist neben der Bauform auch das Material und die Ausführung. Die Auswahl ist auch abhängig von der Rückkopplungsneigung der gewählten Hörsysteme und des Hörverlusts. Prinzipiell gilt: Je anfälliger die Hörgeräte für Rückkopplungen sind, bzw. je stärker der Hörverlust, desto kleiner die Bohrung. Dennoch müssen hier auch anatomische und akustische Gegebenheiten wie Okklusion (siehe Artikel "Okklusion") oder die Anfälligkeit für Schwitzen, Entzündungen und Pilzerkrankungen berücksichtigt werden.

Bauformen (für Ex-Hörer, Slimtubes und Standardschlauch):

Schale -> füllt die gesamte Ohrmuschel aus. Ist optisch auffälliger, aber leichter zu greifen, dicht und hat einen festen Sitz.

Ring -> der Mittelteil wird ausgefräst, sodass aus der Schale ein Ring entsteht. Optisch unauffälliger, dicht, gute Haptik und hat einen festen Sitz

Kralle -> der Mittelteil aus dem äußeren Ring wird rausgefräst. Optisch etwas unauffälliger, gute Haptik, dicht und guter Sitz.

Lang- und Kurzspange -> Stöpselform mit langer/kurzer Abstützung in der unteren Ohrmuschel (wie Sporthalterung). Optisch unauffälliger, gute Haptik, guter Halt, kann aber verkippen (drehen).

Stöpsel -> Verschwindet meist komplett im Gehörgang, schlechtere Haptik, schlechterer Sitz

Materialien:

Hartes Acryl -> Hält länger, ist aber starr und passt sich nicht weiter an. Bei richtiger Fertigung ist es komfortabel zu tragen. Kann Beschichtet werden.

Silikon -> Weniger Risiko für Druckstellen, anfälliger für Risse/Verfärbungen, hohe Dichtigkeit, kann bedingt beschichtet werden.

Thermotec -> Wird bei Wärme weicher und passt sich an, anfälliger für Risse/Verfärbungen, leichter einzusetzen und trotzdem dicht, kostet meist einen Aufpreis, kann bedingt beschichtet werden

Edelmetalle -> werden bei Allergien eingesetzt. Sind hygienischer aber nur als starre Variante erhältlich. Wird von den Krankenkassen bei entsprechendem Befund idR bezahlt. Manuelles Nacharbeiten nicht möglich.


Besonderheiten:

Titanotoplastik -> komplett aus Titan. Langlebig, antibakteriell und sehr dünne Wandstärke. Auch für kleinere Gehörgänge optimal, da platzsparend. Kann bei Allergien eingestzt werden.

Folienplastik -> Otoplastik wird ausgehölt um Material zu minimieren. Leichtere Bauform, weniger Verschluss

Holkanaloptoplastik -> Otoplastik wird von Gehörgangsseite ausgehölt. Dient der Vergrößerung des Restvoluments (Okklusion). Ist bei Ex-Hörern eher schwierig zu fertigen.

Skelettierung -> Otoplastik wird ausgehölt und Löcher in die Wände gefräst. Kann eingesetzt werden für eine offenere Versorgung oder um Berührungspunkte zu vermeiden (Okklusion/Druckstellen)

Sharkbite -> Aussparung an einer bestimmten Stelle um Berührungspunkte zu vermeiden (Okklusion/Druckstellen)

Stufe/Abtreppung -> am Zapfen wird eine Stufe reingefräst. Dienst zur Veränderung des Restvolumens im Gehörgang und ggf. um Berührungspunkte zu vermeiden.

Zugfaden -> wird an der Otoplastik befestigt, um die an diesem Faden aus dem Ohr zu ziehen.

Zusatzbohrung -> Wird neben dem Ex-Hörer bzw. Schallschlauch gebohrt, um das Ohr zu belüften und/oder akustisch Einfluss auf Rückkopplungen und den Verschlusseffekt zu nehmen. 


Die Fertigung geschieht in den Laboren heute fast ausschließlich automaitsch. Früher wurden die Otoplastiken noch per PNP-Verfahren (Positiv-Negativ-Positiv) hergestellt. Heute nutzt man oft 3D-Scanner und Drucker, wo nur noch leichte digitale Modifikationen nötig sind. 



Bsp.: Folienplastiken skelletiert

 

Ob man allergisch auf bestimmte Materialien reagiert, kann man jederzeit testen. Dazu bestellt das Fachgeschäft beim Hersteller/Labor sogenannte Allergieplättchen. Diese wiederum werden vom Facharzt auf der Haut befestigt und nach ca. zwei und fünf Tagen kontrolliert. Ist eine Reaktion (Quaddeln) ersichtlich, so gilt der Test auf das Material als positiv.

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