Mittwoch, 28. Juli 2021

Die Hörkontaktlinse

Otoplastiken bald überflüssig?

Es klingt fast zu schön um wahr zu sein, doch ein Unternehmen aus Mannheim will genau das realisieren. Die "Hörkontaktlinse" hat ihren Namen nicht von Ungefähr, sondern hat durchaus Ähnlichkeit mit der Kontaktlinse für das Sehorgan. Im Gegensatz zu herkömmlichen Hörsystemen, hat diese Variante keinen üblichen Lautsprecher, sondern selbigen direkt auf dem Trommelfell platziert. Die Versorgung erfolgt durch Ohrenärzte und Akustik-Fachbetriebe, da das Einsetzen durch den Arzt/die Ärztin durchgeführt wird, die Justierung hingegen durch das Fachgeschäft.

Nach Rücksprache mit dem Hersteller ist das "Vibrosonic Alpha" seit Mai 2021 CE-zertifiziert und soll 2022 seine Markteinführung haben. Ob und wie die Krankenkassen diese Versorgung vergüten, die Lebensdauer einzelner Komponenten und die letztliche Umsetzbarkeit ist noch nicht abzusehen.

Das Hörsystem umfasst die Hörkontaktlinse (bestehend aus dem Aktor, welche in eine individuelle Silikonform gebracht wird), das Gehörgangsmodul und den Signalprozessor hinter dem Ohr. Das Anschluss- bzw. Gehörgangsmodul sitzt kurz vor dem Trommelfell. Ein ähnliches Konzept hat Phonak bereits mit dem Lyric eingeführt, was jedoch medizinische Nachteile mit sich brachte. Die medizinischen und anatomischen Aspekte des Lyric könnten also auch hier eine Rolle spielen. Bspw. das Verletzungsrisiko (insbesondere bei Blutern oder Blutverdünnern), aber auch anatomische Gegebenheiten, wie zu enge Gehörgänge, könnten die Versorgungsmöglichkeiten einschränken. Ob eventuellen Risiken zu erwarten sind, werden die aktuell laufenden klinischen Studien zeigen.

Das hier, im Gegensatz zu Otoplastiken, verbleibende Restvolumen im Gehörgang ist so gering, dass es sich kaum als störend wahrnehmen lassen sollte. Da auch keine klassischen akustischen Reflexionen vorliegen, wohl aber gegebenenfalls rückwärtige Abstrahlungen, sind auch Rückkopplungen äußerst unwahrscheinlich. 

Sicher wird die aufgelegte Membran die natürliche Schwingungsfähigkeit des Trommelfells beeinflussen. Wie stark sie das tut, bleibt abzuwarten. Dennoch ist die Übertragung so nahezu verlustfrei und hat ein äußerst geringes Rückkopplungsrisiko und bietet durch die größere Membran zusätzlich ein breiteres Frequenzspektrum.



Quelle: Vibrosonic

 

Quelle: Vibrosonic

 

Vorteile:

  1. Keine Otoplastik notwendig
  2. Keine Okklusion (Verschlusseffekt)
  3. Keine verschmutzten Filter oder Hörschläuche (weniger Serviceaufwand)
  4. Verlustfreie Übertragung
  5. Keine Resonanzspitzen
  6. So gut wie keine Rückkopplungen
  7. Höherer Übertragungsbereich möglich (ca. 100 Hz - 12000 Hz) 

Nachteile:

  1. Aufwendigere Anpassung
  2. Bei Defekten (am Geräteteil im Ohr) muss ein Arzt verfügbar sein
  3. Nur für leicht- bis mittelgradige Hörverluste
  4. Ggf. weitere Versorgungseinschränkungen bei zu engen Gehörgängen, Blutverdünnern o.ä. (Verletzungsrisiko), Materialunverträglichkeiten usw.
  5. Kann selbst nur teilweise oder gar nicht abgenommen werden
  6. Höheres Preissegment
  7. Einschränkung der natürlichen Schwingungsfähigkeit des Trommelfells


Der Ansatz ist allerdings nicht ganz neu und in den US schon länger umgesetzt. Unter dem Namen "earlens" gibt es auch hier ein Pendant, welches mit einer Licht-, statt einer Kabelübertragung im Gehörgang arbeitet.



Sonntag, 25. Juli 2021

Was unterschreibe ich da?

Papiere kurz erklärt

Beim Abschluss einer Hörgeräteanpassung, also dem letztendlichen Kauf, unterschreibt man einige Dokumente, die einem oft nur halbherzig erklärt werden. Hier möchte ich kurz zeigen, was man als Kunde eigentlich dort quittiert.


Gesetzliche Krankenkasse (hier VdeK, WHO2/3):


1. Patientenbogen:
Auf diesem Dokument stehen sowohl die Hilfsmittelnummern, als auch die Seriennummern der Hörsysteme. Diese Angaben werden zunächst quittiert vom Fachbetrieb. Darunter folgt nun eine "Erklärung zu Mehrkosten" des Versicherten, die es in drei Varianten gibt und wie folgt aussieht.

"Ich bin über das qualitativ hochwertige Angebot einer aufzahlungsfreien Versorgung (ohne Aufzahlung, ausgenommen der gesetzlichen Zuzahlung) informiert worden. Mit dem(n) getesteten aufzahlungsfreien Hörsystem(en) habe ich - soweit möglich sowohl bei stö-renden Umgebungsgeräuschen als auch in größeren Räumen und größeren Personengrup-pen ein bestmögliches Sprachverstehen erreicht. Dennoch habe ich mich für eine Versorgung mit Aufzahlung entschieden. Das/die Hörsystem(e) habe ich erhalten. Mit der von mir zu leistenden Aufzahlung bin ich einverstanden. Des Weiteren bin ich darüber informiert worden, dass die aus der Mehrleistung bei einem Hörsystem mit privater Aufzahlung resultierenden Reparaturmehrkosten auch zu meinen Lasten gehen. Ich erkläre mich bereit, auch diese zu übernehmen. Die Versicherteninformation habe ich erhalten."

ODER

"Ich bin über das qualitativ hochwertige Angebot einer aufzahlungsfreien Versorgung (ohne Aufzahlung, ausgenommen der gesetzlichen Zuzahlung) informiert worden. Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, keine aufzahlungsfreie Hörgeräteversorgung zu erproben. Ich habe mich für eine Versorgung mit Aufzahlung entschieden. Das/die Hörsystem(e) habe ich erhalten.Mit der von mir zu leistenden höheren Vergütung bin ich einverstanden. Des Weiteren bin ich darüber informiert worden, dass die aus der Mehrleistung bei einem rsystem mit privater Aufzahlung resultierenden Reparaturmehrkosten auch zu meinen Lasten gehen. Ich erkläre mich bereit, auch diese zu übernehmen. Die Versicherteninfor-mation habe ich erhalten."

ODER

"Ich erkläre hiermit, dass ich das/die Hörsystem(e) aufzahlungsfrei erhalten habe. Mit dem(n) Hörsystem(en) habe ich - soweit möglich - sowohl bei störenden Umgebungsgeräuschen als auch in größeren Räumen und größeren Personengruppen ein bestmögliches Sprachverstehen erreicht. Die Versicherteninformation habe ich erhalten."

Dieser Passus ist wichtig, wenn eine Zuzahlung geleistet wurde. Abgesehen davon, dass man bestätigt, auch ein passendes und zweckäßiges zuzahlungsfreies Angebot erhalten, bzw. nicht gewünscht zu haben, willigt man auch in eventuell entstehende private Folgekosten ein.


2. Versicherteninformation:
Bei manchen Kassen muss auch diese gesondert unterschrieben werden. Im Fall der VdeK-Kassen ist dies nicht notwendig, da der Empfang bereits auf dem Patientenbogen bestätigt wurde. Diese Information beinhaltet folgendes:

"In den vertraglichen Vereinbarungen zwischen der Bundesinnung für Hörgeräteakustiker und den Ersatzkassen wurden für die Vergütung der Hörsysteme Vertragspreise vereinbart.Die Hörgeräteakustiker haben sich dabei verpflichtet, dem Versicherten mindestens ein individuell geeignetes eigenanteilsfreies Versorgungsangebot (=ohne wirtschaftliche Aufzahlung, ausgenommen der gesetzlichen Zuzahlung) mit volldigitalen Hörsystemen (Hörsysteme mit digitaler Signalverarbeitung) entsprechend dem festgestellten Hörverlust einschließlich der erforderlichen Otoplastik zu unterbreiten. Darüber hinaus wurde eine Reparaturpauschale vereinbart. Mit der Reparaturpauschale sind bei einer eigenanteilsfreien Versorgung für einen Zeitraum von sechs Jahren sämtliche Kosten für Reparatur-, Service-und Wartungsleistungen sowie für den Ersatz der Otoplastiken abgegolten. Kosten können Ihnen nur dann in Rechnung gestellt werden, wenn Sie die Reparatur oder den Ersatz aufgrund nicht bestimmungsgemäßen Gebrauches zu vertreten haben. Da Ihre Ersatzkasse eine Reparaturpauschale für sechs Jahre bezahlt, lassen Sie bitte alle erforderlichen Einstellungs-, Service-und Reparaturarbeiten an dem Hörsystem/den Hörsystemen ausschließlich durch den ausliefernden Hörgeräteakustiker durchführen, um unnötige Kosten für Sie und Ihre Ersatzkasse zu vermeiden. Neben den eigenanteilsfreien Versorgungen kann Ihnen der Hörgeräteakustiker auch Hörsysteme mit zusätzlichen Ausstattungsmerkmalen anbieten. Solche Ausstattungsmerkmale können u.a. Bedienvorteile (z.B. Fernbedienung, Funk-und Schnittstellentechnologie) ästhetische/kosmetische Vorteile (z.B. Größe/Design), erhöhter Hörkomfort (z.B. Klang, Gewicht, Bequemlichkeit), mehr Hörprogramme / mehr Kanäle als audiologisch notwendig und / oder weitere Zusatzfunktionen sein.Wählen Sie eine andere als die vom Hörgeräteakustiker eigenanteilsfrei angebotene Versorgung, haben Sie die Mehrkosten für das von Ihnen gewählte Hörsystem und die daraus resultierenden Mehrkosten für Reparatur- und Wartungsleistungen selbst zu tragen."

Trotz der Bitte, alle Wartungs- und Servicearbeiten im Fachbetrieb durchführen zu lassen, in welchem auch die Geräte gekauft wurden, ist ein Wechsel des Fachbetriebs JEDERZEIT möglich.


3. Abschlussbericht:
Dieser beinhaltet ebenfalls die angepassten Hörsysteme inklusive Hilfsmittelnummer und Kassensatz. Auch dies wird wieder vom Fachbetrieb unterzeichnet. Folgend kommt wieder ein Passus für den Endkunden:


"Ich bin über das Angebot einer eigenanteilsfreien Versorgung (mit Ausnahme der gesetzlich vorgeschriebenen Zuzahlung) informiert worden.

O Ich habe mich für eine Versorgung ohne Eigenanteil entschieden.

O Ich habe mich für eine Versorgung mit Eigenanteil entschieden.
O
Ich habe kein eigenanteilsfreies Versorgungsangebot gewünscht.

Mit der Zahlung der Mehrkosten für das (die) von mir ausgewählte(n) Hörgerät(e) und den damit verbundenen Folgekosten bin ich
einverstanden."

Auch hier quittiert man erneut, dass man mit eventuellen Folgekosten einverstanden ist. Ferner beinhaltet dieses Dokument auch die konkreten angebotenen aufzahlungsfreien Hörsysteme. Hier sollte man zwei mal gucken, ob man diese auch wirklich angeboten bekommen hat, bzw. das Kreuz bei der entsprechenden Aussage gesetzt ist.

4. Sondererklärung / Konformitätserklärung:  Grundlegend enthält diese die Merkmale der Otoplastik. Hier zu nennen sind bspw. die Chargen- und/oder SEriennummer, das Material, die Form, Durchmesser der Bohrungen usw. Anschließend wird vom Fachbetrieb bestätigt:

"Diese Sonderanfertigung dient der ausschließlichen Verwendung durch die unter 1. bezeichnete Person
Hiermit wird bestätigt, 

- dass das in dieser Dokumentation beschriebene Otoplastik den auf dieser Dokumentation enthaltenen Daten entspricht 

- aus CE-gekennzeichneten Produkten gefertigt wird 

- zur ausschließlichen Verwendung durch die auf dieser Dokumentation bezeichneten Person angefertigt wurde

- den auf dieser Dokumentation enthaltenen Identifikationsmerkmalen entspricht, der Verordnung durch die angegebene Person bzw. Institution entspricht 

- die ggf. beigefügten dokumentierten spezifischen Merkmale aufweist 

- die „grundlegenden Anforderungen“ nach Anh. 1 der RL 93/42 EW erfüllt sind."

Unterschrieben wird hier vom Kunden nur, dass er eine Ausfertigung dieses Dokumentes bekommen hat und er/sie in den Gebrauch der Sonderanfertigung eingewiesen wurde.

 

Es gibt noch weitere Dokumente, die aber entweder nicht vom Kunden unterschrieben werden müssen (Anpassbericht, Versorgungsanzeige, Verordnung des Fachbetriebs) oder lediglich eine Empfangsbestätigung der Geräte sind. So auch die Rückseite der ohrenärztlichen Verordnung (Muster 15). Die Formulare selbst variieren auch zwischen den Krankenkassen und können daher anders aussehen und abweichende Formulierungen haben. Prinzipiell unterschreibt man inhaltlich aber immer


die gleichen Aussagen. Die Sondererklärung oder auch Konformitätserklärung steht aktuell etwas auf der Kippe. Noch (und vermutlich auch weiterhin) wird sie zumindest für Otoplastiken benötigt. Bei manchen BKKs gibt es zusätzliche Bewertungsbögen zu jedem Hörsystem. Diese müssen vom Kunden ausgefüllt werden. LKKs und die Knappschaft möchten bei der Mehrkostenerklärung auch gern wissen, wie es zu diesen Merhkosten kam. Bspw. aus ästhetischen Gründen, wegen des Bedienkomfort, berufliche bedingt o.ä.

Bei privaten Krankenkassen reduziert sich der Papierkrieg auf die Empfangsbestätigung, ggf. die ohrenärztliche Verordnung, die Verordnung des Fachbetriebs und den Anpassbericht.

An dieser Stelle bleibt zu sagen, dass es nicht nur Versorgungsverträge zwischen der biha und den GKVs gibt. Es gibt weitere im verkürzten Versorgungsweg oder zwischen den GKVs und einzelnen Betrieben oder Gemeinschaften. Ebenso gibt es weitere Versorgungsformen wie WHO4 (an-Taubheit-grenzend), Kinderversorgungen usw. Auch hier variieren die Verträge.

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Mittwoch, 21. Juli 2021

Phonak Roger ON

Neues Mikrofon für alle

Der neue Roger ON ist in zwei Varianten erhältlich. Der Roger ON und der Roger ON iN. Die beiden Geräte sind absolut identisch, mit Ausnahme eines kleinen Details. Der Roger ON iN ist mit Marvel- und Paradise-Geräten direkt kompatibel. Der Roger ON hingegen ist auch für Geräte anderer Hersteller bzw. ältere Generationen (Belong) konzipiert. Bei letzterem sind hierzu extra Empfänger nötig (Roger X Receiver), die an entsprechende Streaming-Geräte (Bspw. Com Pilot) gesteckt werden können. 

Die Geräte kommen mit einer Ladeschale, sowie einer kostenlosen App (Google Play und Apple). Somit sind die Mikrofonmodi auch aus der Ferne steuerbar. Am Roger selbst befindet sich der An- und Ausschalter, ein LCD Display, 4 Mikrofone, ein Verbindungsknopf, der Ansteckclip und eine Taste. Über diese können die Mikrofonmodi gewechselt werden, welche auf dem LCD-Display entsprechend dargestellt werden. Auch ist der Akku-Status abgebildet.


MultiTalker Network

Das Multitalker-Network erlaubt es mehrere Roger On zu nutzen. Somit sind auch mehrere Sprecher in komplexen Situationen zu übertragen.

Automatischer Mikrofonmodus

Roger ON erkennt die Hörsituation und wechselt automatisch din den passenden Mikrofonmodus. Dies ist abhängig davon, ob er auf dem Tisch liegt, gehalten wird oder angeclippt ist.

Pointing-Mode 2.0

Diese Funktion erlaubt es, mit Hilfe von drei Mikrofonen an den Sprecher akustisch heranzuzoomen. Dies erhöht den SNR (Signal-to-noise-ratio = Signalrauschabstand).

Multibeam 2.0

Auch dieses automatische Feature verbessert den SNR. Hierzu erkennt das Gerät, aus welcher Richtung der Nutzschall (Sprache) kommt und wie der beste SNR erreicht werden kann. Folgend richtet es sich automatisch dort hin.

 

Phonak Roger ON / Roger On iN (Quelle Phonak)

Phonak myRogerMic App (Quelle: Phonak)

Dienstag, 20. Juli 2021

Aktuelle Information: Demenz und Hörgerät?

Werbeaussagen strafbar

Wer mit Aussagen wirbt, die Hörsystemen eine Demezprävention oder sogar Therapiemöglichkeit zuschreiben, riskiert eine Anzeige. Die Wettbewerbszentrale hat hierzu bereits ein Fachgeschäft abgemahnt. Der Grund hierfür ist § 3 S.2 Nr. 1 Heilmittelwerbegesetz (HWG) und die Feststellung, dass die durchgeführten Studien nicht umfänglich genug sind und den nötigen Anforderungen nicht genügen.


Quelle



Bild von Colin Behrens auf Pixabay

Sonntag, 18. Juli 2021

Aktuelle Informationen: Krankenkassenfusionen

Diesmal gleich zwei

Zum 01.07.2021 erfolgte der Zusammenschluss der Viactiv BKK und der BKK Achenbach Buschhütten. Die Viactiv behält dabei ihren Namen und vereint nun rund 720.000 Versicherte unter ihrem Dach.

Zum 01.01.2022 fusionieren auch die BKK Melitta Plus und die BKK HMR. Unter dem neuen Namen "BKK Melitta HMR" werden künftig rund 76.000 Versicherte gebündelt.

 


 

 

 

 

 

 

 
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Mittwoch, 14. Juli 2021

Neues Recht für Käufer*innen

Digitales rückt in den Fokus

Ab Januar 2022 wird ein neues Gesetz unter dem Namen "Gesetz zur Regelung des Verkaufs von Sachen mit digitalen Elementen und anderen Aspekte des Kaufvertrags" eingeführt. Dieses beinhaltet u.a. folgende Aspekte für den Verbrauchsgüterkauf:

Update-Pflicht:
Verkäufer von digitalen Produkten sind erstmalig dazu verpflichtet, notwendige Updates bereitszustellen. Geschieht dies nicht, kann der/die Käufer*in Gewährleistungsansprüche geltend machen.

Gewährleistung und Garantie:
Künftig muss der/die Verkäufer*in die Garantieleistungen/Garantiebedingungen konkret aushändigen (digital oder in Papierform). Hierbei muss ersichtlich sein, dass diese getrennt von der Gewährleistung ist. Zusätzlich wird die so genannte Beweislastumkeht von sechs auf 12 Monate verlängert.

Und es passiert noch mehr: Das Gesetz für faire Verbraucherverträge
Auch hier gibt es Positives für Käuer*innen zu berichten. Bald müssen online abgeschlossene Verträge auch online kündbar sein. Dies keineswegs mit versteckten, sondern gut sichtbaren Buttons. Auch ist eine automoatische Verlängerung eines Vertrages generell nur noch zulässig, wenn dieser ab dieser Verlängerung unbefristet ist und monatlich kündbar. Ebenso kann der Vertrag nun bis einen Monat VOR der Vertragsverlängerung noch gekündigt werden. (Bisher drei Monate)
Wann genau diese neuen Regelungen in Kraft treten ist noch nicht eindeutig zu sagen. Aller Voraussicht nach zwischen Herbst 2021 und Juli 2022. (inkl. Übergangsfristen)

 

Wie sich ein solches Gesetz künftig auf die Hörgerätebranche auswirken wird, ist noch offen. Aktuell wird sich das wohl eher auf die Firmware niederschlagen, die aber auch jetzt schon regelmäßig bereitgestellt wird und upgedated werden kann.

Bild von Mediamodifier auf Pixabay

Mittwoch, 7. Juli 2021

Geht's auch günstiger?

Ja, geht's...manchmal!

Wie in vielen Bereichen machen auch Hörgerätehersteller primär für ihre "Hauptmarke" Werbung. So kaufen auch mehr Leute Geräte von Phonak, Signia oder Resound. Oft gibt es aber die gleiche Technik günstiger vom gleichen Hersteller. Hier mal ein paar Beispiele:

Die Unitron Blu-Serie ist das oft günstigere Pendant zu Phonak Paradise und hat sogar Tap-Control in allen Technikstufen. Phonak hingegen erst ab der 70er-Variante (30/50/70/90). Auch Hansaton ist eine günstigere Alternative.

Das Signia Produktportfolio ist nahezu identisch mit dem von Audio Service. Auch hier gibt es Pendants zu den Silk, Styletto, Insio usw. Sie sind baugleich, heißen nur anders, nämlich: Quix, Stiline und Ida.

Auch bei Resound findet man die gleichen Geräte im Portfolio von Interton und Beltone. 

Oticon hat mehrere Untermarkten wie Bernafon und Phillips, bei denen sich auch ähnliche Techniken finden lassen. Das aktuelle Oticon More ist also technisch bspw. nah am Bernafon Alpha. Hier gibt es aber tatsächlich noch kleine unterschiede in der Philosophie. 


Es gibt natürlich noch weitere Untermarken und Eigenlabel. Diese haben aber idR keinen eigenen Vertrieb und werden auch nur von bestimmten Fachgeschäften genutzt. Ob die letztlich günstiger sind, kann ich schlicht nicht beantworten. Bei den offiziellen Untermarken hingegen schon. Es hängt aber auch davon ab, welche Konditionen ein Fachgeschäft mit dem Hersteller vereinbart hat und/oder ob gewisse Marken/Geräte einfach nicht vertrieben werden sollen. Es ist also nicht immer ein Garant für einen günstigeren Preis, aber fragen kostet nichts. 





Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay

Sonntag, 4. Juli 2021

Altes Konzept oder neue Innovation?

Ein trüber Blick in die Zukunft

Schon öfter entfachten Diskussionen über die Preise von Hörgeräten. Warum sie derart hochpreisig sind und was alles am Preis dranhängt, habe ich schon in früheren Artikeln beleuchtet. Ein Aspekt ist aber nicht wegzudiskutieren und das sind die Features. Hörgeräte einer Serie sind untereinander baugleich und auch die günstigste Technikstufe könnte das Gleiche wie die teuerste. Sieht man es von oben nach unten, so könnte man es positiv begrüßen, dass auch hochwertigere Geräte in günstigeren Segmenten angeboten werden. Natürlich mit gewissen Einschränkungen. Andersrum könnte man sich aber auch ärgern, warum diese Preisstaffelung sein muss. 

Ich warte darauf, dass ein Hersteller mal auf die "Buffet-Idee" kommt. Die Funktionen sind alle bekannt und definiert, also warum nicht selbst auswählen? Das Grund-Chassis einer Serie muss natürlich festgelegt sein, also Mikrofone, Chip, Lautsprecher usw. aber alles andere könnte man doch einfach an- und abwählen. Radfahrer machen einen Haken bei einer Windgeräuschunterdrückung, Außendienstmitarbeiter einen bei der "hands-free"-Funktion usw. Die Justierung ist zwar auch heute individuell auf den Hörverlust angepasst, alles andere aber nur als Paket zu erwerben. Das heißt, dass ich bei einer höheren Technikstufe mit Sicherheit Funktionen erwerbe, die ich eigentlich gar nicht wollte/brauche. Das Baukastensystem wäre innovativer, individueller, nachvollziehbarer, zielführender und für den Endkunden vermutlich auch günstiger. Für die Hersteller wäre es kein Unterschied, lediglich der Fachbetrieb hätte einen verschwindend geringen Mehraufwand bei der Besprechung, Auswahl und Probe. Dafür wahrscheinlich aber auch schneller zufriedenere Kunden. Manche Features sind natürlich eine Kombination aus ihrem eigentlich Einsatzgebiet und bspw. der Kanalanzahl. Aber auch das ist ja lösbar, indem man z.B. zwingede Abhängigkeiten kenntlich macht. 

Wer heute z.B. nur ein Gerät erwirbt, hat in vielen Fällen dennoch binaurale (also beidseitige) Funktionen mit drin (ear to ear, binauraler Abgleich usw.). Ab der mittleren Preisklasse ist das eigentlich immer der Fall. Die kann man mit einem einzigen Gerät aber gar nicht nutzen, bezahlen muss man sie dennoch. Hier gibt es noch mehr Beispiele wie Übersetzungstools, Sturtzdetektoren, Tinnitusfunktion uvm. 

Im Zuge einer Umfrage zu diesem Thema, habe ich die häufigsten Bedenken gesammelt:

"Die (Neu)Kunden könnte überfordert sein!"
Die Buffet-Variante erfindet ja keine neuen Funktionen. Es ist also nicht mehr Erklärungsbedarf als jetzt auch. Aktuell gibt es etwa 2600 Geräte auf dem Markt. Auch die wird niemand durchtesten. Es soll nach wie vor nur audiologisch/subjektiv sinnvoll beraten und ausgewählt werden. Um als Kunde das richtige Gerät wählen zu können, muss das Fachpersonal heute ja auch alle Funktionen, die sinnvoll sein können (genauso wie alle möglichen Bauformen und Hersteller), vorstellen.

"Es könnte teurer werden für die Endkunden."
Auch das Argument ist unwahrscheinlich. Es gibt bspw. bei Im-Ohr-Hörgeräten heute auch schon Wahlmöglichkeiten bei der Ausstattung. So kann man neben der Bauform und dem Grundgerät weitere Funktion wie T-Spule, Wirelessspule, Doppelmikrofontechnik, Bluetooth, Programmknopf, Lautstärkesteller etc. auswählen. Der Einkaufs-, sowie der Verkaufspreis bleiben aber identisch, obwohl es hier um Hard- und nicht Software geht. Das wird bei der Buffet-Variante unwirtschaftlich sein, aber innerhalb einer Technikstufe sind heute sicher mehr Funktionen, die man gar nicht braucht, aber eben auch nicht abwählen kann (wohl ggf. abschalten). Auch Unitron hat bereits Ansätze dieser Idee. Hier ist es möglich bspw. eine 3er-Technikstufe zu kaufen und nach Belieben später noch auf eine höhere Variante aufzurüsten. Der Hersteller kann also an einem Gerät mehrmals verdienen. Auch die Produktions- und Lagerhaltungskosten (auch für das Fachgeschäft), sowie Ersatzteile wären reduziert.

"Das Hörgerät muss eine gewisse Verstärkung haben."
Ja, das muss es aktuell aber ja auch. Das heißt die audiologischen Grundanforderungen sind bereits definiert und würden sich dadurch ja auch nicht ändern.

Was ich allerdings als Nachteil für die Endkunden sehe ist, dass die Geräte preislich nicht mehr so einfach zu vergleichen wären.

Weitere Faktoren:

Vor einigen Tage habe ich über den aktuellen Status der Folgeversorgungen bei der KKH berichtet. Sollte es wirklich dazu kommen, dass neue Versorgungsverträge formuliert werden, in denen der Anpasszeitraum nicht mehr auf sechs Jahre begrenzt ist, bzw. die Krankenkassen auch ohne diesen die Zeiträume verlängern, muss eh ein Umdenken der Branche stattfinden. Aktuell ist ganz gut kalkulierbar, dass ein Kunde nach ca. sechs Jahren wohl neue Geräte bekommen wird. Wenn dies aber nicht mehr absehbar werden sollte, ist ein Umsatz weder für das Fachgeschäft, noch für die Hersteller vorauszusehen. Hier wäre eine Option des "Nachrüstens" zumindest für die Industrie und den Endkunden vorteilhaft. Das Fachgeschäft müsste sich wohl wahrscheinlich mit einer Pauschale zufrieden geben. 

Es könnte bei manchen Funktionen allerdings auch kein einfaches "an" oder "aus" geben. Manches ist vertraglich ohnehin vorgeschrieben und könnte quasi nur ein Upgrade erfahren. Also müsste man dennoch einzelne Features abstufen.

Ein Beitrag eines Forenmitglieds ist hingegen sehr einleuchtend und in diesem Zusammenhang auch kritisch zu hinterfragen. Windgeräusche und Rückkopplungspfeifen hätte ich ohne Hörgerät gar nicht. Wieso soll ich also dafür zahlen, dass ich das durch das Hilfsmittel erst verursachte Problem wieder loswerde? Hier sehe ich die Pflicht aber bei den Krankenkassen, die soetwas vertraglich fordern müssten. Das tun sie zwar bereits, aber nur in der nötigsten Variante. (Bei Rückkopplungsunterdrückungen)

Es wäre auch denkbar, dass jeder Hersteller nur noch eine Geräteserie mit allen nötigen Bauformen vertreibt. Also nur noch ein Name mit dafür detaillierteren Featurepaketen oder Featurekombinationsmöglichkeiten. Bauformen wie Schlauchsysteme, Im-Ohr-Hörgeräte und Ex-Hörer müssten bestehen bleiben. Das hat vorallem audiologische und anatomische Gründe, würde die Palette aber auf ein nötiges Minimum reduzieren und für deutlich mehr Übersicht sorgen.

Das Ergebnis der Umfrage, die ich drei Tage in mehreren Grupppen und Foren platziert habe, sieht wie folgt aus:





Donnerstag, 1. Juli 2021

Aktuelle Information: KKH und Folgeversorgungen

Folgeversorgungen weiterhin schwierig

Die kaufmännische Krankenkasse verlangt von Fachbetrieben weitere Prüfungs- und Wartungsarbeiten. Eine Versorgung nach Ablauf des Versorgungszeitraums bedarf, wenn kein besonderer Grund vorliegt (Defekt, keine Ersatzteile, Verlust o.ä.), einer Optimierung. Hierzu verlangt die Krankenkasse neben der eigentlichen Arbeit auch bspw. Screenshots der Einstellung, InSitu-Messung/-Anpassung, statistische Nutzungsdaten (Datalogging, wenn vorhanden), Vergleichsmessungen mit aktuellen und neuen Hörsystemen und einiges mehr. Ebenso sind weitere Pauschalen möglich, die den Versorgungszeitraum verlängern sollen. Bei jeglichen Arbeiten empfiehlt die biha (Bundesinnung der Hörgeräteakustiker) den Fachbetrieben, vorab einen detaillierten Kostenvoranschlag einzureichen. 

In Anbetracht des enormen Aufwandes, ist die Wirtschaftlichkeit für den Fachbetrieb fraglich. Natürlich gibt es durchaus Hörsysteme, die auch nach sechs Jahren noch einwandfrei ihren Dienst tun, nur ist der Nachweis darüber, dass eine neue Versorgung ggf. notwendig ist, sehr aufwändig und mit dem Risiko verbunden, dennoch eine Ablehnung zu erhalten. 

Sofern hier eine klare (auch finanzielle) Regelung gefunden wird, ist der Ansatz per se nicht verkehrt. Der Vorteil ist ganz klar eine Kostenersparnis der Krankenkassen und die Nachhaltigkeit. Ein verlängerter Versorgungszeitraum könnte aber auf lange Sicht auch höhere Gerätekosten bedeuten. Die Hersteller müssten Gerätepreise neu kalkulieren. Ebenso muss das Fachgeschäft sich finanziell neu orientieren, da ein erneuter Verkauf nicht mehr absehbar ist. 

Wie sich der Rest der Branche und andere Krankenkassen verhalten werden, bleibt offen.

 

Bild von aymane jdidi auf Pixabay

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