Mittwoch, 28. Juli 2021

Die Hörkontaktlinse

Otoplastiken bald überflüssig?

Es klingt fast zu schön um wahr zu sein, doch ein Unternehmen aus Mannheim will genau das realisieren. Die "Hörkontaktlinse" hat ihren Namen nicht von Ungefähr, sondern hat durchaus Ähnlichkeit mit der Kontaktlinse für das Sehorgan. Im Gegensatz zu herkömmlichen Hörsystemen, hat diese Variante keinen üblichen Lautsprecher, sondern selbigen direkt auf dem Trommelfell platziert. Die Versorgung erfolgt durch Ohrenärzte und Akustik-Fachbetriebe, da das Einsetzen durch den Arzt/die Ärztin durchgeführt wird, die Justierung hingegen durch das Fachgeschäft.

Nach Rücksprache mit dem Hersteller ist das "Vibrosonic Alpha" seit Mai 2021 CE-zertifiziert und soll 2022 seine Markteinführung haben. Ob und wie die Krankenkassen diese Versorgung vergüten, die Lebensdauer einzelner Komponenten und die letztliche Umsetzbarkeit ist noch nicht abzusehen.

Das Hörsystem umfasst die Hörkontaktlinse (bestehend aus dem Aktor, welche in eine individuelle Silikonform gebracht wird), das Gehörgangsmodul und den Signalprozessor hinter dem Ohr. Das Anschluss- bzw. Gehörgangsmodul sitzt kurz vor dem Trommelfell. Ein ähnliches Konzept hat Phonak bereits mit dem Lyric eingeführt, was jedoch medizinische Nachteile mit sich brachte. Die medizinischen und anatomischen Aspekte des Lyric könnten also auch hier eine Rolle spielen. Bspw. das Verletzungsrisiko (insbesondere bei Blutern oder Blutverdünnern), aber auch anatomische Gegebenheiten, wie zu enge Gehörgänge, könnten die Versorgungsmöglichkeiten einschränken. Ob eventuellen Risiken zu erwarten sind, werden die aktuell laufenden klinischen Studien zeigen.

Das hier, im Gegensatz zu Otoplastiken, verbleibende Restvolumen im Gehörgang ist so gering, dass es sich kaum als störend wahrnehmen lassen sollte. Da auch keine klassischen akustischen Reflexionen vorliegen, wohl aber gegebenenfalls rückwärtige Abstrahlungen, sind auch Rückkopplungen äußerst unwahrscheinlich. 

Sicher wird die aufgelegte Membran die natürliche Schwingungsfähigkeit des Trommelfells beeinflussen. Wie stark sie das tut, bleibt abzuwarten. Dennoch ist die Übertragung so nahezu verlustfrei und hat ein äußerst geringes Rückkopplungsrisiko und bietet durch die größere Membran zusätzlich ein breiteres Frequenzspektrum.



Quelle: Vibrosonic

 

Quelle: Vibrosonic

 

Vorteile:

  1. Keine Otoplastik notwendig
  2. Keine Okklusion (Verschlusseffekt)
  3. Keine verschmutzten Filter oder Hörschläuche (weniger Serviceaufwand)
  4. Verlustfreie Übertragung
  5. Keine Resonanzspitzen
  6. So gut wie keine Rückkopplungen
  7. Höherer Übertragungsbereich möglich (ca. 100 Hz - 12000 Hz) 

Nachteile:

  1. Aufwendigere Anpassung
  2. Bei Defekten (am Geräteteil im Ohr) muss ein Arzt verfügbar sein
  3. Nur für leicht- bis mittelgradige Hörverluste
  4. Ggf. weitere Versorgungseinschränkungen bei zu engen Gehörgängen, Blutverdünnern o.ä. (Verletzungsrisiko), Materialunverträglichkeiten usw.
  5. Kann selbst nur teilweise oder gar nicht abgenommen werden
  6. Höheres Preissegment
  7. Einschränkung der natürlichen Schwingungsfähigkeit des Trommelfells


Der Ansatz ist allerdings nicht ganz neu und in den US schon länger umgesetzt. Unter dem Namen "earlens" gibt es auch hier ein Pendant, welches mit einer Licht-, statt einer Kabelübertragung im Gehörgang arbeitet.



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